Torment: Tides of Numenera Test und Wertung zum Planescape-Nachfolger - Video-Review und Fazit
Test
Wir machen den Test: Ist Torment: Tides of Numenera ein gutes Rollenspiel oder nur aus Nostalgiegründen interessant? Wir haben Inxiles phänomenalen Kickstarter-Erfolg bereits vor Release durchgespielt und vergeben in Artikel und Video-Review eine Wertung. Wie schlägt sich Torment gegen die Konkurrenz? Und was kann die Konsolen-Umsetzung im Vergleich zur PC-Version?
Für den Torment: Tides of Numenera-Test mussten wir unsere Lesebrillen gut putzen; im Review des Rollenspiels für PC, Playstation 4 und Xbox One waren wir die meiste Zeit damit beschäftigt, ellenlange Texte zu lesen und bei jedem neuen NPC etliche Dialogoptionen abzuarbeiten. Und das alles nur, weil uns die spannende Geschichte schon nach kurzer Zeit so fest in ihrem Griff hatte, dass wir unbedingt jedes noch so kleine Detail über die Torment-Welt und die abgedrehten Charaktere von Tides of Numenera erfahren wollten. Nach dem Test wissen wir: Es lohnt sich!
Tides of Numenera-Review: Bizarr und faszinierend
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Es war einmal ein Wesen namens Snelanargagonthasramalerf. Für ihn war es das Natürlichste auf der Welt, sich den eigenen Arm auszureißen. Denn wie jeder weiß: Aus abgetrennten Gliedmaßen wachsen kleine Kinder. Eines Tages aber wurde Sne'rf (so die Kurzform des Namens) aus seiner Dimension verbannt und er begann die zahllosen Welten des Multiversums zu bereisen. Dabei machte er eine erstaunliche Entdeckung: Die meisten Lebenwesen bekommen ihre Kinder auf ganz andere Weise! Von dieser Erkenntnis fasziniert, widmete er sein Leben der Erforschung verschiedenster Fortpflanzungsmethoden. Seitdem bringt er die Besucher seines Forschungslabors beim Präsentieren neuer wissenschaftlicher Ergebnisse nicht selten in Verlegenheit.
Quelle: PC Games
Auf eurer Abenteuerreise betretet ihr viele Labore voller eigenartiger Kombinationen aus altmodischen und futuristischen Gerätschaften.
Sne'rf ist nur einer von vielen absurden Charakteren, denen ihr in Torment: Tides of Numenera begegnet. An jeder Straßenecke hört ihr Geschichten, die teilweise kurios, teilweise philosophisch, aber oft auch düster und verstörend sind. Wer Tides of Numenera spielt, verbringt den allergrößten Teil der Zeit in unvertonten Dialogboxen. Eben ganz nach dem großen PC-Vorbild von 1999, dem von Rollenspiel-Veteranen gefeierten Planescape: Torment.
Nach Wasteland 2 ist Tides of Numenera der nächste große Versuch des Entwicklerstudios Inxile, den Geist der Klassiker in der Gegenwart wieder aufleben zu lassen. Viele Mitglieder des Teams waren damals schon dabei, allen voran Chris Avellone, der ehemalige Lead-Designer von Planescape: Torment. Dank großzügiger Unterstützung in Form von über vier Millionen Dollar auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter.com ist der fromme Wunsch der Entwickler nun Wirklichkeit geworden - auch auf Konsolen. Ein Grund zum Feiern?
Quelle: PC Games
Die Items sind ebenso verrückt wie die Welt von Torment: Tides of Numenera. Zum Heilen benutzt ihr eine Ladung Sprühfleisch aus der Dose!
Sohn/Tocher eines Gottes
Tides of Numenera beginnt mit der Geburt eures Spielcharakters. Abgetrennte Gliedmaßen spielen zwar keine Rolle, aber ganz gewöhnlich geht es auch nicht zu. Der Vater des Avatars ist der Wandelnde Gott - ein Mann, der seinen Geist regelmäßig von einem Körper in den nächsten transferiert und dadurch Unsterblichkeit erlangt hat.
Womit er nicht gerechnet hat: Jedes Mal, wenn er eine seiner fleischlichen Hüllen verlässt, wird in dieser ein neues Bewusstsein geboren. Über die Jahrhunderte hat sich so eine ganze Armee dieser sogenannten Abgeworfenen angesammelt - und ihr seid der Jüngste von ihnen. Durch das Austricksen des Todes hat der Wandelnde Gott allerdings auch den Zorn eines uralten Wächters geweckt: Die Kreatur, die nur "Der Kummer" heißt, jagt seitdem den Vater eures Helden, alle seine Kinder und damit auch euch selbst. Jetzt müsst ihr irgendwie mit der Situation fertig werden.
Quelle: PC Games
Beim Betreten von Erinnerungen fremder Personen könnt ihr die Vergangenheit manipulieren.
Aus dieser interessanten Grundkonstellation entwickelt sich bei Torment: Tides of Numenera eine Story, die viel mehr bietet als die typischen Rache- und Weltrettungsgeschichten, mit denen einen die Videospielindustrie überhäuft. Das Setting basiert auf dem Tabletop-Rollenspiel Numenera und liegt irgendwo zwischen Fantasy und Science-Fiction. Bei eurer Reise über die Erde, wie sie eine Milliarde Jahre in der Zukunft aussehen wird, beschäftigt ihr euch mit Parallel-universen und Dimensionsportalen, mit Manipulation von Zeit und Erinnerung, mit Identitätsstörungen sowie multiplen Persönlichkeiten und schließlich mit schwierigen moralischen und philosophischen Fragen.
Tides of Numenera greift somit genau den Stoff auf, der Planescape: Torment Kultstatus verliehen hat. Aber es handelt sich nicht einfach um ein Remake des Klassikers: Die Geschichte ist komplett neu geschrieben, nur die Themen sind ähnlich. Man muss die Entwickler dafür loben, hier nicht in blinde Nostalgie verfallen zu sein.
Spiel's noch einmal!
Das Marketing zu Tides of Numenera verspricht große Spielerfreiheit, zahlreiche Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen und die Möglichkeit, die Geschichte nach euren eigenen Wünschen zu formen. Hier solltet ihr euch aber nicht von der Werbung einlullen lassen: Das Spiel bietet tatsächlich viele interessante Quests mit unterschiedlichen Lösungswegen, aber Zeuge einer Neuerfindung des Rads werdet ihr nicht. Einige sekundäre Aufträge sind sogar so extrem simpel gehalten, dass die Konfliktparteien direkt nebeneinander stehen. Immerhin: Das hält die Laufwege fast immer erfreulich kurz.
Was die Hauptgeschichte angeht, stehen die Eckpunkte der Story trotz aller Entscheidungsmöglichkeiten fest. Immerhin: Am Ende gibt's ähnlich wie in Wasteland 2 oder Fallout 4 einen Epilog, in dem kurz auf die Schicksale eurer bis zu drei Begleiter eingegangen wird. Ob deren Leben nach den Ereignissen des Spiels eine glückliche Wendung nimmt, hängt vor allem davon ab, wie ihr die mit ihnen verbundenen Quests abgeschlossen habt. Das sorgt für einen gewissen Wiederspielwert - zusammen mit dem Moralsystem. Euer Charakter bildet nämlich abhängig von euren Entscheidungen unterschiedliche Merkmale wie "mildtätig", "analystisch" oder "egoistisch" heraus - viele Figuren reagieren darauf und manch einer zeigt sich bei Quest-Belohnungen besonders spendabel, wenn seine Affinität mit der euren übereinstimmt.
Quelle: PC Games
In manchen Gesprächen habt ihr sogar mehr als zehn verschiedene Dialogoptionen gleichzeitig zur Auswahl
Insgesamt trefft ihr im ersten von drei Akten des Spiels sechs mögliche Begleiter, allesamt sehr interessant geschrieben. Die Dialoge mit einigen davon gehören zu den Höhepunkten von Torment: Tides of Numenera, hier schrecken die Autoren auch nicht vor hintersinnigem Witz zurück, um die ansonsten eher ernste Atmosphäre des Rollenspiels aufzulockern. Großartig!
Torment: Tides of Numenera hat trotz großem Umfang keine Pacing-Probleme: Die Geschichte mit einer Spielzeit von 30 (ohne Nebenquests) bis 40 Stunden nimmt im letzten Drittel noch mal richtig Fahrt auf. Doch auch in seinen besten Momenten setzt Tides of Numenera Geduld beim Spieler voraus, denn der Plot ist voller Rätsel und NPCs füttern den Protagonisten auch gerne einmal mit widersprüchlichen Informationen. Das heißt, man muss die dicken Textblöcke mit der nötigen Aufmerksamkeit lesen. Die Fans von Planescape: Torment haben natürlich nichts anderes erwartet. Trotzdem hätte das Spiel von etwas mehr optischer Inszenierung profitieren können, denn das schließt lange Texte ja nicht aus.
Sprachausgabe gibt es nur selten und wenn, dann ausschließlich in Englisch. Die deutsche Übersetzung ist überwiegend gelungen, allerdings sind uns im Test immer wieder kleine Ärgernisse aufgefallen. So wird "child", also Kind, generell mit "Kindlicher" übersetzt. Und ab und zu finden sich in den Textboxen noch die Überreste falsch gesetzter Formatierungen, wodurch mitten im Dialog unleserliche Code-Befehle auftauchen. Ein Patch schafft hier hoffentlich schnell Abhilfe, spielbar ist die deutsche Version aber schon in der ungepatchten Test-Fassung.
Torment: Tides of Numenera - Endliche Charakterwerte
Wie es sich für ein klassisches Party-Rollenspiel mit starkem Story-Fokus gehört, geht es beim Aufleveln eures Charakters und seiner Begleiter nicht nur darum, Kämpfe zu bestehen. Auch zum Überreden von NPCs in Dialogen und zum Benutzen von Gegenständen in der Welt sind verschiedene Fähigkeiten nötig. Diese legt ihr zu Beginn für euren Hauptcharakter fest, dessenn Optik ihr aber nicht anpassen dürft - je nachdem, ob der Held männlich oder weiblich ist, gibt es eines von zwei Portraits vom Spiel, das war's in Sachen Individualität. Ebenfalls schade: Eure Party-Mitglieder könnt ihr im Spielverlauf zwar aufleveln und mit gefundenen oder gekauften Items versorgen, neue Rüstungen dürft ihr aber nur dem Hauptcharakter anziehen - für die NPCs gibt's lediglich gekaufte Upgrades auf halber Strecke.
Quelle: PC Games
Die Grundwerte Kraft, Geschwindigkeit und Intellekt werden immer wieder für Skillchecks gebraucht. Die Menge der aufgewendeten Punkte bestimmt die Erfolgswahrscheinlichkeit.
Torment: Tides of Numenera nutzt ein interessantes, größtenteils ausgeglichenes Charaktersystem. Im Zentrum stehen die drei Werte Kraft, Geschwindigkeit und Intellekt. Wollt ihr beispielsweise einen Felsen aus dem Weg räumen, müsst ihr etwas von eurer Kraft aufwenden. Je mehr Punkte ihr opfert, desto größer die Erfolgswahrscheinlichkeit. Verlorene Punkte stellt ihr anschließend durch die Anwendung von Items oder beim Schlafen wieder her - gewissermaßen wie ein Mana-Pool. Spezielle Fähigkeiten wie Naturkunde, Überzeugen oder Einschüchtern gibt es zwar auch, diese bringen aber eher mäßige Boni, die gegenüber den Werte-Pools kaum ins Gewicht fallen.
Es ist auch keine allzu große Herausforderung, stets genügend Punkte parat zu haben und dadurch die allermeisten Herausforderungen bestehen zu können - spezielle Gegenstände frischen den Punkte-Pool wieder auf, genau wie kritische Erfolge beim Würfeln im Hintergrund. Mit Bedacht will die Option gewählt sein, an vorgegebenen Punkten zu rasten. Denn wenn sich eure Abenteurergruppe in Tides of Numenera schlafen legt, werden Kraft, Geschwindigkeit und Intellekt zwar auch wieder aufgefrischt - allerdings haben einige Aufträge einen Timer. Wer sich etwa mit dem Lösen eines Mordfalls zu lange Zeit lässt, der nimmt in Kauf, dass es weitere Opfer gibt.
Quelle: PC Games
Immer wenn die Erfahrungsleiste voll ist, könnt ihr eins von vier Charaktermerkmalen steigern. Erst nachdem ihr das vier Mal gemacht habt, steigt ihr eine Stufe auf und bekommt dadurch neue Fähigkeiten.
Kampfsystem: Rundenbasierte Nebensächlichkeit
Auch in den rundenbasierten Kämpfen könnt ihr die drei Charakterwerte einsetzen, nämlich um Angriffe zu verstärken und - besonders interessant - um Objekte in der Umgebung für eure Zwecke einzusetzen. Clever: Weil verschiedene Waffen unterschiedliche Werte nutzen, können auch auf Intellekt oder Geschwindigkeit spezialisierte Figuren ordentlich Schaden austeilen. Dennoch ist das Balancing nicht ganz perfekt, denn der Intellekt wird überdurchschnittlich oft abgerufen, während Kraft vergleichsweise selten zum Einsatz kommt, etwa beim Einschüchtern von Widersachern.
Quelle: PC Games
Sowohl bei der Charakterentwicklung als auch im Kampf habt ihr die volle Kontrolle über eure Party-Mitglieder. Euch begleiten bis zu drei Kumpanen von insgesamt sechs NPC.
Torment: Tides of Numenera steuert sich am PC mit der Maus nahezu perfekt, die Parallelen zu Baldur's Gate und natürlich Planescape: Torment sind unübersehbar. Auch die Gamepad-Steuerung auf den Konsolen ist durchdacht: Gegenstände und Fähigkeiten werden per Kreismenü aufgerufen und das Festlegen der Bewegungspfade klappt auch ohne eingeblendetes Gitternetz. Allerdings hätten wir uns ab und zu dennoch ein optionales Raster gewünscht; der Bewegungs- und Angriffsradius von eigenen Figuren und Feinden lässt sich trotz farbiger Markierungen teilweise nur schwer abschätzen.
Das Kampfsystem sieht auf den ersten Blick komplex aus, aber letztlich müssen nicht alle Werte bis ins letzte Detail berücksichtigt werden. Da ist es schon wichtiger, schlicht und einfach genug Begleiter mitzubringen. Unterschiedliche Schwierigkeitsgrade gibt es nicht, trotz einiger kniffliger Gefechte gegen Bossgegner hält sich der Anspruch in Grenzen. Der Tod eures Hauptcharakters spielt vordergründig keine Rolle, denn als Gotteshülle wacht ihr einfach wieder in seinem Geisteslabyrinth auf. Überhaupt werden die Schwerter nur selten gezückt und wenn dann meist mit gutem Grund: "Trash Mobs" wie die klassischen namenlosen Banditen, die in den meisten RPGs (Hallo, Pillars of Eternity!) an jeder Ecke lauern, werdet ihr in Tides of Numenera nämlich nicht antreffen. Tatsächlich lässt sich das komplette Spiel beenden, ohne einen einzigen Menschen abzumurksen.
Quelle: PC Games
Durch all die Zauber und Spezialfähigkeiten sehen die Kämpfe von Torment: Tides of Numenera recht bunt aus.
Spielspaßtöter auf Konsole und PC
Wann immer das Spiel die Möglichkeit bietet, einen Konflikt friedlich zu lösen, kann man nur dazu raten, diese Chance zu nutzen. Denn je nachdem wie viel Glück ihr habt, stellt Torment: Tides of Numenera eure Geduld mit seinen überdurchschnittlichen vielen Bugs auf die Probe. Im Test war besonders die Technik der PS4- und Xbox-One-Fassungen eine herbe Enttäuschung. Manche KI-Gegner brauchen gefühlte Ewigkeiten, um einen einfachen Zug zu beenden. Wenn sich ein Bossgegner vor jedem Angriff zuerst dreimal sinnlos um die eigene Achse dreht, kann man ihn kaum noch ernst nehmen.
Quelle: PC Games
Die zweidimensionalen Hintergründe von Torment: Tides of Numenera sind schön gezeichnet, die Grafik rechtfertigt dennoch nicht die massiven Ruckler auf PS4 und Xbox One.
Auch außerhalb der Gefechte sieht es nicht besser aus. Die Fps-Rate ist selbst in kleinen Arealen nicht stabil und macht sich immer wieder über mächtige Aussetzer bemerkbar - und das auf der leistungsstarken PS4 Pro! Da ist man schnell froh, sich den Großteil der Spielzeit in Dialogmenüs aufzuhalten, in denen man von der ruckelnden Framerate nicht viel mitbekommt. Gerade bei der doch sehr zurückhaltenden Grafik hätte so etwas nicht passieren dürften. Entwarnung können wir für die PC-Version geben: Auf Systemen mit Windows, MacOS und Linux läuft Torment: Tides of Numenera reibungslos mit über 100 Fps, die Performance-Probleme beschränken sich auf die Konsolenversionen.
Die Optik ist natürlich bewusst an den Rollenspielen der Neunziger orientiert und genauso abgedreht wie seinerzeit bei Planescape: Torment. Im Vergleich mit aktuellen Titeln wäre hier trotzdem noch Luft nach oben gewesen, gerade die Charakteranimationen wirken veraltet und viele Hintergründe sind unnötig statisch sowie teilweise sehr niedrig aufgelöst. Dazu kommen diverse Bugs wie fehlerhafte Sounds - und in einem Fall sogar ein Plotstopper. Im Rahmen einer Quests ging es nicht weiter, wenn wir eines von zwei Items in die falsche Öffnung steckten - hier half nur das Laden eines Spielstands. Glücklicherweise legt Torment: Tides of Numenera regelmäßig automatische Savegames an. Da wir für unseren Test auf eine noch ungepatchte Version zurückgriffen, wird Inxile Entertainment das Gros dieser Probleme vielleicht schon mit dem ersten Patch fixen. Bis dahin sollte aber nur sehr geduldige Spieler mit dem Kauf insbesondere der Konsolenfasung liebäugeln - aber die gehören ja eh zur Zielgruppe des neuen Torment-Rollenspiels.
Tides of Numenera ist ab sofort für 45 bis 50 Euro auf PC (Windows/Mac/Linux), Playstation 4 und Xbox One erhältlich. Eine Version ohne Kopierschutz und DRM gibt es auf Gog.com zum Download.
