Eine Hardcore-Simulation lehrte mich versehentlich eine wichtige Lektion fürs Leben
Special
Spiel oder Schichtdienst? Bei Hardcore-Simulationen verschwimmt dieser Unterschied. Und ein Titel, der gerade Steam erobert, perfektioniert diese Mischung!
Ich werde alt, langsamer und lernfauler. Das ist eine blöde Sache, weil doch eigentlich Hardcore-Shooter und -Simulationen meine Steckenpferde sind. Anstatt gefühlt jede Woche ein neues Spiel von Grund auf zu lernen, versumpfe ich zuletzt lieber im vertrauten Hunt: Showdown. Kenne ich schon, strengt nicht so an.
Ich befürchte, jetzt geht's bergab. Ich roste ein, verstehe in zehn Jahren die Welt nicht mehr und beschimpfe die Wolken. Dann taucht im Steam-Sale ein neues Spiel auf: UBOAT. So, so, das ist ja wie Silent Hunter, was ich zu meiner Schande nie gespielt habe. So irre kleinteilig und komplex. Meine Faulheit protestiert, aber sei's drum, ich wage noch einen Versuch. Dabei lerne ich wie nebenbei eine wichtige Lebenslektion.
Irre hart und komplex
Die Idee fand ich immer reizvoll: Als U-Boot-Kommandant jeden Aspekt des Unterseejagdkampfes simulieren, die Crew versorgen, vom Jäger zum Gejagten werden, in hundertfünfzig Metern Tiefe bei Rotlicht und knackender Außenhülle flüstern und hoffen, dass die Wasserbomben unser Boot verfehlen.
Quelle: PlayWay
Ein paar YouTube-Videos später bestätigt sich, was ich mir Angst machte. Wenn ich wirklich tief in das Spiel abtauchen will - und alles andere wäre in meinen Augen bei einer Hardcore-Simulation sinnlos -, muss ich mich stundenlang reinfuchsen, recherchieren, scheitern und lernen.
Na komm, du alter Seebär, danach hast du einen Bart. Gemessen an den vielen begeisterten Stimmen lohnt sich der Aufwand. UBOAT kommt bei Steam auf 82 Prozent Zustimmung, was bei einem ehemaligen Early-Access-Spiel durchaus ein starker Wert ist. Denn unfertige Spiele kassieren tendenziell mehr negative Steam-Wertungen.
Ein Freund bestätigt mir, was ich befürchtet hatte: Das Spiel soll richtig gut sein, viele Survival-Aspekte umfassen und einiges an Eingewöhnung benötigen. Schon wird mir wieder ganz anders. Was ist denn bloß mit mir passiert? Früher war so eine Herausforderung doch gerade das, was ich immer wieder gesucht habe.
Geduld, wo bist du?
Ich lade UBOAT runter und wage einen ersten Tauchgang. Netterweise kann ich den Schwierigkeitsgrad sehr, sehr fein abstimmen. Also gehe ich es langsam an, wähle in puncto Simulationsanspruch einen Mittelweg und lasse meine Crew weitgehend automatisch arbeiten.
Das Tutorial schickt mich durch eine Handvoll Lehrmissionen, um die Kernmechaniken des Spiels zu verstehen. Fracht, Treibstoff und Torpedos auffüllen, Besatzung im Schichtplan einteilen, Beobachtungsposten besetzen, und so weiter. Da geht's schon wieder los. Ich werde ungeduldig, will jetzt sofort ein Schlachtschiff versenken und nicht erst verstehen, was eine Lenzpumpe ist und warum sie meiner Crew das Leben retten kann.
Nebenbei leuchtet mein Smartphone auf, irgendeine App hat sich wohl Benachrichtigungsrechte erschlichen. Schnell abschalten. Wobei, ich könnte ja gleich mal schauen, ob es auf eBay Kleinanzeigen neue Interessenten für meinen Router gibt? Tatsächlich! Ich antworte der Person mal eben. Einige Minuten später bin ich raus, lasse UBOAT für heute gut sein. Am nächsten Tag habe ich eine Erleuchtung.
Herausforderung Singletasking
Am nächsten Abend fühle ich mich großartig, war gerade spazieren und habe meditiert, ein bisschen mit der Katze geschmust und ein Buch gelesen. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte heute Zeit für viele Tätigkeiten, bei denen ich eben nicht ständig hin- und herwechseln muss.
Bei der Arbeit bin ich selten länger als zwei Stunden an einer Aufgabe dran, und währenddessen klingelt das Telefon, die Fakten verstecken sich im Marketing-Blabla und im Teams-Chat bittet eine Kollegin darum, dass ich ihre News gegenlese.
Multitasking ist heutzutage in vielen Berufen Standard. Ich kann mich nie länger als ein paar Minuten auf eine Sache konzentrieren. So kommt kein Flow auf. Im Leben abseits der Arbeit das Gleiche: YouTube-Kurzfilmchen, TikTok-Wischwahnsinn, Reddit-Doomscrolling.
Alles ist so klein portioniert, dass ich einfach verlerne, mich mal länger als ein paar Sekunden zu fokussieren. Und es geht mir nicht alleine so, eine Studie zeigt beispielsweise, dass junge Leute heute weniger Bücher lesen als früher.
Also gut, sage ich mir: Ablenkungen vermeiden und einfach UBOAT spielen.
Bewusster da sein
Quelle: PlayWay
Mit dieser Vorgabe starte ich UBOAT erneut, und siehe da: Mit etwas Ruhe und stumm geschaltetem Handy wird mir plötzlich klar, wie clever die Mechaniken im Spiel miteinander verzahnt sind. Ich lerne, wie ich meinen Offizieren Befehle erteile, auf der Weltkarte einen Kurs ins Patrouillengebiet befehle und dabei den Dieselverbrauch so niedrig wie möglich halte. Auch ein Stück weit Multitasking, aber eben ohne Ablenkungen von außen.
Und ich habe Spaß! Dabei habe ich bisher noch nicht einmal ein feindliches Schiff gesehen. Und, vielleicht noch wichtiger: Ich entspanne mich, obwohl die Aufgaben auf mich einprasseln. Erst zwei Stunden später holt mich mein knurrender Magen aus der Trance. Ist auch in Ordnung.
Am Ende steht für mich das Fazit: Es wird in der modernen Welt vielleicht nicht immer klappen, sich zu fokussieren und das Drumherum auszublenden. Aber ich kann bewusster leben und die Ablenkungen ausschließen, wenn mir alles zu viel wird. Es wäre schließlich schade, wenn mir durch eine zu kurz geratene Aufmerksamkeitsspanne künftig tolle Spiele wie UBOAT entgehen würden. Egal, wie alt ich dann bin.
