Verstorben, aber nicht vergessen: Wie Online-Communitys tote Spieler ehren
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Wenn Nutzer von Online-Games sterben, wird den Toten bisweilen im Spiel mit Denkmälern und Trauerfeiern Respekt gezollt. Doch kann eine virtuelle Ehrung die gleiche Wirkung wie im echten Leben haben? Für unseren Report haben wir mit Angehörigen eines verstorbenen Minecraft-Administrators und einem Psychologen gesprochen.
Auf den Spiele-Servern dieser Welt ist eine Menge los: Abenteuerlustige Charaktere in fantasievollen Kostümen treffen sich in Tavernen von Online-Rollenspielen. Sie lachen, tanzen, feilschen und retten nebenher die Welt. Auf einem anderen Server, vielleicht nicht weit entfernt, geht es hingegen in die unendlichen Weiten des Weltraums. Piloten schließen Allianzen, bekämpfen Piraten, stürzen sich in Schlachten oder grasen Planeten nach wertvollen Rohstoffen ab.
Und dann ist da dieser Minecraft-Server namens "Emenbee Realms", der seit sieben Jahren seinen Dienst verrichtet. Während hunderte Klötzchen-Architekten ihrem Treiben nachgehen, hält der Administrator mit dem Nicknamen "Pendar2" ein wachsames Auge über die virtuelle Welt. Die meisten Spieler wissen vermutlich noch nicht einmal, wer "Pendar2" ist - geschweige denn, wieviel Aufwand hinter der Pflege eines Servers steckt. Bis zu dem Tag, an dem sie sich einloggen und in der Eingangshalle eine riesige Statue vorfinden. Sie ist dem Eigentümer des Servers gewidmet, eben jenem "Pendar2". Er hieß im richtigen Leben Bryan P. Heffernan und ist im März 2019 im Alter von nur 22 Jahren gestorben.
Auf dieser Seite
- 1 Hinter jeder Spielfigur steckt ein Leben
- 2 Bryan erschuf eine Plattform für seine Mitmenschen
- 3 Wie echt ist eine virtuelle Trauerfeier?
- 4 Ein Denkmal stellt dar, was der verstorbene Mensch geliebt hat
- 5 Erinnerungen und Identität
- 6 Über Vandalismus und abgeschaltete Server: Das sagt der Psychologe
Hinter jeder Spielfigur steckt ein Leben
Angesichts der unzähligen digitalen Spielfiguren in Online-Games kann man leicht vergessen, dass hinter jedem Avatar ein richtiger Mensch steckt.
Doch nicht nur Spieler sind aus Fleisch und Blut, sondern auch die Entwickler hinter den Kulissen. Taucht die Figur in der virtuellen Welt nicht mehr auf oder bleibt ein Nickname in den Chatkanälen offline, kann dies die unterschiedlichsten Gründe haben - ein neuer Beruf, Schicksale im Privatleben oder einfach verlorenes Interesse etwa. Im Fall von Bryan sind die Umstände tragischer: Bei ihm wurde bereits vor zwei Jahren Krebs diagnostiziert. Er hat hart gegen ihn gekämpft, eine Chemotherapie und Operationen hinter sich gebracht. Für eine kurze Zeit sah es so aus, als hätte Bryan den Kampf gewonnen, doch der Krebs kam unerwartet wieder. Bis zu seinem Tod wusste jedoch niemand davon. Einige Server-User nahmen in den letzten Monaten sogar an, dass er "Emenbee Realms" einfach aufgegeben hatte. Erst als sein langjähriger Freund Jason* - Nickname "Mod_masta" - einen Nachruf verfasste, traf die Community die Nachricht wie ein Schlag.
"Viele Spieler haben seitdem erkannt, wieviel Arbeit Bryan in 'Emenbee' gesteckt hat", erklärt uns Jason im Interview. "Aber das war während der Lebenszeit des Servers nicht immer der Fall. Viele dachten, dass er keinen Finger gerührt hat, weil die meisten seiner Tätigkeiten hinter den Kulissen stattfanden."
Quelle: Emenbee Realms
Die Statue für Bryan steht in der Lobby von „Emenbee Realms“. Erst waren es ein paar wenige Holzschilder...
Aus technischer Sicht besteht "Emenbee Realms" nicht nur aus einem Server, sondern aus insgesamt zehn. Auf ihnen befanden sich zu Hochzeiten konstant 1500 Spieler. Seit der Gründung im Jahr 2011 kamen über eine Million Unique Visitors vorbei. Das sind wahnwitzige Zahlen, die nur mit viel technischem Talent und Know-how möglich sind - wohlgemerkt war Bryan zum Serverstart gerade einmal 15 Jahre alt. Das kam nicht von ungefähr: Bryan hat sich bereits als Teenager sehr für Informatik interessiert, schloss entsprechende Fächer in der High School mit Höchstnoten ab und beschäftigte sich auch nach Schulabschluss weiterhin intensiv damit. Im Oktober 2018 musste er den Server aber schließen, weil er keine Kraft mehr für ihn aufbringen konnte.
Bryan erschuf eine Plattform für seine Mitmenschen
Erst Monate später belebten Jason und einige Freunde aus der Community den Server wieder, um in der Lobby eine Gedenkstatue zu bauen. "Es gab einen Discord mit ehemaligen 'Emenbee'-Spielern. Sie erneut zusammenzubringen, war nicht besonders schwer", erinnert sich Jason. "Was die
Quelle: Emenbee Realms
… doch nach kurzer Zeit ist die Anzahl an Nachrichten stark angewachsen.
öffentliche Aufmerksamkeit danach betrifft: Damit hätten wir nie gerechnet! Das geschah quasi über Nacht, ein paar Tage nachdem wir das Denkmal errichtet hatten."
Das Resultat ist bemerkenswert. In Minecraft lassen sich kleine Holzschilder mit Textnachrichten bauen, von denen Hunderte vor der Statue platziert sind. Auf ihr sind Nachrufe verfasst, die zu Herzen gehen. "Ruhe in Frieden. Man muss eine großartige Person sein, um eine so tolle Community wie diese aufbauen zu können", meint etwa ein anonymer Verfasser. "Vielen Dank, dass du meine Kindheit so großartig gemacht hast", schrieb eine andere Person mit dem Nicknamen "Vytel". Ein weiterer User namens "slasher0161" hält fest: "Dein Server gab mir Erinnerungen, die ich nie vergessen werde."
Die unzähligen Botschaften zeigen, dass Bryan sehr viele Menschen beeinflusst hat - ohne ihnen je persönlich begegnet zu sein. Viele hatten auf dem Server nicht nur Spaß, er war für manche ein Fluchtort vor schwierigen Zeiten im echten Leben. Einige Spieler schlossen auf "Emenbee Realms" sogar Freundschaften und trafen sich anschließend persönlich.
Jason ist davon beeindruckt. "So viele Leute zu sehen, die Schilder aufstellen, hat mein Herz berührt", sagt er. "Wobei man sagen muss, dass das Monument wohl nie vollständig fertig sein wird. Es kommen immer noch Spieler zu mir, die gerne etwas hinzufügen möchten. Am Anfang stand bloß die Idee für eine Statue mit ein vielleicht ein paar kleinen Schildchen drumherum, aber aus der ganzen Sache ist so viel mehr geworden."
Quelle: CCP
Gigantisches Signalfeuer im Weltraum: Der Abschied von „Vile Rat“ in Eve Online
Ein weiteres Beispiel für den virtuellen Abschied eines Verstorbenen ist jenes von Sean „Vile Rat“ Smith, einem bekannten Spieler des Weltraum-MMOs Eve Online. Er war US-Diplomat und ist im September 2012 bei einem Angriff auf die US-Botschaft der libyschen Hafenstadt Bengasi ums Leben gekommen. In einer virtuellen Trauerfeier versammelten sich viele Eve-Online-Spieler, um ein kilometergroßes Zeichen zu setzen: Mit sogenannten Warp Bubbles formten sie einen Schriftzug, der den Text „RIP Vile Rat“ ergab. Eine einfallsreiche Anwendung, da diese kleinen Blasen im Spiel eigentlich dazu genutzt werden, um Raumschiffe aus dem Warp zu reißen. Und es ging weiter: Die Spieler luden eine große Menge an Frachtcontainern ab, die allesamt als Erinnerung an Sean Smith benannt waren. Anschließend zündeten sie eine unzählbare Menge an Cynolights, um den dunklen Weltraum erstrahlen zu lassen. Diese Lichter finden eigentlich beim Lotsen von gigantischen Raumschiffen Verwendung, doch für die Gedenkfeier nutzte man sie auf kreative Weise. Das alles fand in Jita statt, einem der größten Umschlagsplätze im Universum von Eve Online. Um „Vile Rat“ Respekt zu zollen, ignorierten die Spieler für einige Stunden ihre Rivalitäten.
Wie echt ist eine virtuelle Trauerfeier?
Das Denkmal für Bryan ist eines von vielen Beispielen, in denen Communitys von Spielen den Verstorbenen gedenken. Von außen betrachtet können Trauerfeiern in einem virtuellen Raum aber zunächst befremdlich wirken. Das betrifft gerade Personen, die keinen oder nur wenigen Kontakt zu Computerspielen haben. Kann eine Statue, die nur auf einem Server in einem Programm existiert, überhaupt die gleiche emotionale Wirkung wie eine aus der echten Welt haben? Schließlich fehlt da "das Haptische", das über den Monitor hinaus geht. Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zunächst mit dem psychologischen Ablauf von Trauer befassen. Wir haben dazu den Psychologen Benjamin Strobel vom Grimme-Institut in Marl zu Rate gezogen, der sich bei seiner Arbeit auch mit spielebezogenen Themen befasst.
Quelle: ", https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode)
Das Beethoven-Denkmal ist am Bonner Münsterplatz zu finden. Und es ist alt: Enthüllt wurde es erstmals 1845.
"In der Psychologie spricht man durchaus von unterschiedlichen Phasen der Trauer", erklärt er uns. "Ein Trauerprozess ist sehr individuell, sodass nicht alle Phasen von jeder Person gleich oder gleich lang durchlaufen werden. Es gibt allerdings eine prominente Einteilung in vier Phasen von der Psychologin Verena Kast, die ich sehr gut finde."
Nach Kast kann zunächst eine Art Schock eintreten, insbesondere wenn der Verlust überraschend kommt. Dem folgt eine Phase von starken Emotionen wie Wut, Schuldgefühlen oder Traurigkeit. "Hier findet ein wesentlicher Teil der Verarbeitung statt", sagt Strobel. "Hervorheben würde ich aber die dritte Phase nach Kast: Hier versucht man, die verlorene Person im Alltag wiederzufinden, beispielsweise indem man Fotos aus gemeinsamer Zeit betrachtet oder Orte aufsucht, die man zusammen besucht hat." Das sind oft besondere Situationen, die deshalb im Gedächtnis geblieben sind. Beim Blick zurück können auch andere Dinge helfen, etwa bestimmte Songs, eine Tätigkeit oder Gegenstände.
Strobel führt weiter aus: "Auch wenn diese Phase grundsätzlich noch rückwärtsgewandt ist, kann sie durchaus einen Spin bekommen - durch die Konfrontation mit dem Verlust kann man nämlich lernen, wie sich die Gegenwart verändert hat." Genau in dieser dritten Phase gewinnen Denkmäler an entscheidender Bedeutung. "Folgen wir dem Modell von Kast, können Ehrenmale eine zentrale Rolle in der dritten Trauerphase spielen", erklärt Strobel. "Ein Denkmal kann uns einen Ort und eine Gelegenheit geben, die verlorene Person aufzusuchen, uns mit ihr auseinanderzusetzen und in Konfrontation mit dem Verlust zu treten." Dabei muss man nicht zwingend allein sein. Denkmäler werden an öffentlich zugänglichen Orten aufgestellt, womit man in Kontakt mit anderen Trauernden kommen kann. Manchmal ergibt sich daraus ein Dialog, der bei der weiteren, gemeinsamen Verarbeitung helfen kann.
Quelle: Offizielles FF-14-Forum/User „Punchatrain“/Square Enix
Versammlung für den Barden: Freunde und Fremde aus Final Fantasy 14 erweisen die letzte Ehre
Es war im Dezember 2014. Ein User namens „Pattmyn“ postete auf Reddit einen Beitrag über seinen Freund, der sich gerade im Krankenhaus befand. Dieser war als „Codex Vahlda“ im MMORPG Final Fantasy 14 bekannt und spielte einen Barden. Leider erlitt er einen Hirntod auf der Intensivstation. Sein Zustand hatte sich zuvor durch Nierenversagen massiv verschlechtert – und das, obwohl mit seinem Bruder bereits ein Spender gefunden war. „Pattmyn“ schrieb, dass Maschinen seinen Freund noch am Leben erhalten würden, damit seine Familie Abschied nehmen könne. Berührt von dieser Situation taten es Spieler auf dem Server gleich: Sie versammelten und knieten vor dem Haus der Gilde, der „Codex Vahlda“ angehörte. Die meisten von ihnen waren Fremde und hatten noch nie Kontakt zu dem Barden gehabt. Erst war es nur eine Handvoll Spieler, doch mit der Zeit wuchs die Menge derart an, dass die Grafik-Engine des Spiels Mühe hatte, Schritt zu halten. Auf anderen Servern gab es ähnliche Versammlungen. An einem Strand, der nicht weit vom Haus weg lag, veranstalteten die Spieler mit Hilfe von Zaubersprüchen ein Abschiedsfeuerwerk. Ein paar Stunden später, am 21. Dezember 2014, stellten die Ärzte die lebenserhaltenden Maschinen schließlich ab. „Pattmyn“ berichtete daraufhin im Spielforum, dass die Familie von der Aktion im Spiel erfahren hatte. Auch wenn Hunderte von Kilometern zwischen „Codex Vahlda“ und seinen Mitspielern lagen, war Final Fantasy 14 zumindest virtuell ein Ort, wo sie gemeinsam mit dieser Geste Anteilnahme zeigen konnten.
Ein Denkmal stellt dar, was der verstorbene Mensch geliebt hat
Nun ist ein Denkmal, ein Grabstein oder ein Altar allerdings ein plastisches Objekt. Wie kann also eine rein digitale Kreation helfen? Aus psychologischer Sicht ist das für Strobel kein Problem: "Ich denke, solange der virtuelle Raum dieselbe Zugänglichkeit und vergleichbare
Quelle: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/legalcode)
Am quadratischen Sockel des Beethoven-Denkmals befindet sich auf jeder Seite eine Muse, die eine Eigenschaft seiner Musik darstellt.
Möglichkeiten der Kommunikation bietet, kann er dieselben Funktionen erfüllen wie physische Orte. Es ist vielleicht sogar naheliegend, wenn sich die Beziehung zu der verlorenen Person vorwiegend im virtuellen Raum abgespielt hat." Strobel weist auf Studien dazu hin (siehe Kasten). Diese fanden heraus: Freundschaften, die Menschen über digitale Medien pflegen, können die gleichen Funktionen haben wie solche mit physikalischer Nähe. Eine virtuelle Beziehung ist psychisch real, weshalb sie ebenso emotionalen Rückhalt bietet und soziale Bedürfnisse nach Gemeinschaft erfüllt. Daher ist es auch in Online-Gemeinschaften möglich, intensive Gefühle wie Freude oder Wut zu erleben. Trauer bildet da keine Ausnahme.
Darüber hinaus ist ein weiterer Aspekt von Bedeutung: Die Gestaltung des Denkmals. Sie stellt besondere Eigenschaften, Charakterzüge oder Tätigkeiten der Verstorbenen dar. Als Beleg reicht ein Blick auf berühmte Werke. Siehe zum Beispiel das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar: Das Doppelstandbild zeigt, wie Johann Wolfgang von Goethe seinem Dichterfreund Friedrich von Schiller einen Lorbeerkranz reicht. Letzterer trägt einen langen Gehrock, Goethe einen Hoffrack. Beide schauen aufrecht der Zukunft entgegen. Das Denkmal steht vor dem Deutschen Nationaltheater und ehrt den Geist der beiden berühmten Autoren.
Um bei Künstlern zu bleiben, sei das Beethoven-Denkmal am Bonner Münsterplatz erwähnt. Hier ehrt der Sockel an jeder Seite durch eine allegorische Darstellung vier Eigenschaften, die Ludwig van Beethovens Kompositionen ausgemacht hat: Dramatik, Geist, Symphonie und Phantasie, verkörpert von vier unterschiedlichen Musen.
Erinnerungen und Identität
Angesichts der unzähligen möglichen Eigenheiten eines Menschen können die herausragenden Aspekte bei der Gestaltung eines Denkmals alles Erdenkliche sein. Es muss nicht einmal Menschengestalt besitzen - und könnte ebenso gut ein Gemälde, Gebäude oder sonstiges Kunstwerk sein. Einem Verstorbenen kann sogar durch eine Aktion Tribut gezollt werden, zum Beispiel mit einer Tätigkeit, die sie oder er selbst gerne ausgeführt hat. Oder nie ausführen konnte. War es zum Beispiel ein Lebenswunsch, einen bestimmten Ort zu besuchen, können Hinterbliebene genau dies nachholen und dort ein Erinnerungsstück platzieren. Die Möglichkeiten sind unendlich.
So sieht es auch Jason: "Es gibt viele Wege, jemanden zu ehren", meint er. "Eine der besten Methoden, um sich an eine großartige Person zu erinnern, ist, sie über ihre Kreation zu ehren. Über etwas, was sie am meisten geliebt hat." Für Jason war es daher keine Frage, eine Gedenkfeier auf Bryans Minecraft-Server abzuhalten. "Emenbee" war schließlich Bryans Leidenschaft, für die er viel Zeit aufgebracht hat. Zudem hat Jason seinen Freund über das Spiel kennengelernt, als er sich bei ihm als Moderator beworben hat. Das Techniktalent hat ihm viele Dinge beigebracht und stand für Nachfragen geduldig Rede und Antwort. Alles, was Jason über Programmierung, Software-Architektur und Netzwerke weiß, hat er von Bryan gelernt - und alles davon ist wertvoll für seine zukünftige berufliche Laufbahn.
Jason ist dankbar: "Über seinen Tod hinwegzukommen, ist schwer für mich und viele andere. Aber das Beste, was wir tun können, ist uns an all seine tollen Errungenschaften erinnern, die ihm so viel Freude gebracht haben. Wenn es also wie in diesem Fall ein Spiel war, ist es wichtig, ihn auch darüber zu ehren."
Jason spricht reflektiert und gelassen über den Tod seines verstorbenen Freundes. Wenn es nach dem Modell der Psychologin Verena Kast geht, ist er in der vierten und letzten Phase angekommen. Sie folgt auf dem Verarbeitungsprozess, bei dem Zeremonien, sozialer Austausch und das Denkmal geholfen haben. "Hierbei geht es um das anschließende Akzeptieren des Verlustes und der Veränderung", erklärt Psychologe Benjamin Strobel. "Die letzte Phase zeichnet sich dadurch aus, dass man zunehmend in der Lage ist, vorwärtsgewandt und zukunftsorientiert zu denken und zu handeln." Deshalb hat Jason sich auch bereiterklärt, mit uns zu sprechen. Er hat auf würdevolle Weise Abschied genommen, gemeinsam mit vielen anderen Spielern.
Jason sieht daher Community-Aktionen dieser Art sehr positiv: "Ich denke, es ist wichtig sich an die Menschen zu erinnern, die uns die Inhalte liefern, an denen wir uns jeden Tag erfreuen", sagt er abschließend. Jason denkt da an andere Server-Betreiber, Spieleentwickler oder generell jede Form von kreativem Schaffen. "Ohne sie wären wir in unserem Leben vermutlich ganz andere Pfade gegangen. Das trifft vor allem auf mich zu. Ich bin mir nicht sicher, wo ich heute ohne Bryan wäre. Er hatte einen großen Einfluss auf mein Leben."
Quelle: Frontier Developments
Wiedersehen in der VR: Ein Spieler baut in Elite: Dangerous ein Charaktermodell nach seinem toten Schwager
Ein junger Mann namens „Tuuvas“ nutzte den Charaktereditor von Elite: Dangerous für etwas Ungewöhnliches: Sein Schwager Cedric O'Neal Paris ist 2015 im Alter von 42 Jahren gestorben. Ein schwerer Schlag, da sich „Tuuvas“ kaum an eine Zeit erinnern kann, bei der Cedric nicht an seiner Seite war. Als er zwei Jahre später Zugriff auf eine erste Betaversion des Charaktereditors „Holo-Me“ hatte, begann er dort seinen Schwager nachzubauen. Cedric war selbst ein begeisterter Spieler, weshalb „Tuuvas“ trotz anfänglicher moralischer Bedenken viele Stunden Arbeit investierte. Als er fertig war, konnte er sich mit Hilfe der VR-Brille zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder neben Cedric stellen. Obwohl er zunächst Angst hatte, in einen emotional instabilen Zustand zu fallen, hat „Tuuvas“ es am Ende nicht bereut. Im Gespräch mit Eurogamer.net sagte er im März 2017: „Jetzt, wo Cedrics Charaktermodel fertiggestellt ist, fühlt es sich eher wie ein Foto oder Video von einer verstorbenen Person an, die man sehr vermisst.“ Seine Arbeit hat er auf Reddit geteilt und dort zum Großteil Zuspruch erhalten. Zu Ehren Cedrics führten die Spieler Flugmanöver in Elite: Dangerous aus. Ein Zeichner fertigte eine Illustration an, die den Schwager im Raumanzug zeigte. David Braben, Schöpfer des Spiels, meldete sich sogar persönlich zu Wort und sprach gerührt seine Anteilnahme aus.
Psychologe Dr. Benjamin Strobel vom Grimme-Institut in Marl stand uns im Interview Rede und Antwort.
Über Vandalismus und abgeschaltete Server: Das sagt der Psychologe
Benjamin Strobel ist promovierter Psychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Grimme-Institut im Bereich Medienbildung. Er beschäftigt sich mit Spielen in ihrer psychologischen Bedeutung und trägt zu Forschungsprojekten rund um digitale Spiele bei. Wir haben ihm noch ein paar zusätzliche Fragen gestellt.
Denkmäler oder Gräber sind manchmal Ziele von Vandalismus. Was sind die möglichen Gründe für so eine Respektlosigkeit?
Benjamin Strobel: Motive für Vandalismus können vielseitig sein, insbesondere politisch, ideologisch oder ökonomisch. So kann die Absicht dahinterstehen, eine Bewusstseinsänderung in der Gesellschaft zu erzeugen, geltende Herrschaftsverhältnisse in Frage zu stellen oder eine kollektive Erinnerung gewaltsam zu beseitigen oder zu verändern. Hierbei steht dann weniger die Person im Vordergrund als die ideelle, soziokulturelle Funktion des Denkmals. Manchmal geht es auch um die Normverletzung als solche, also das Brechen von Regeln als Provokation oder Mutprobe.
Und was ist, wenn online schlecht über Tote gesprochen wird? Zum Beispiel in einem Chat oder Forum?
Strobel: Unser Umgang mit Tod und Toten ist maßgeblich kulturell geprägt und folgt relativ starken sozialen Konventionen, die in unserer Kultur fest verankert sind. Es ist also relativ klar, was die soziale Etikette ist und was einen Verstoß darstellt - auch im virtuellen Raum. Schlecht über Verstorbene zu sprechen, wäre beispielsweise ein Normverstoß, der sozial missbilligt wird.
Reale Denkmäler bleiben quasi ewig stehen. Grabsteine entfernt man aber nach der Liegezeit zwischen zehn bis 30 Jahren. Einen Server schaltet man meistens viel eher ab. Kann das Auswirkungen auf den Trauerprozess haben?
Strobel: Grundsätzlich verläuft ein Trauerprozess natürlich individuell. Mehrere Jahrzehnte sind für die Verarbeitung eines Verlustes aus rein psychologischer Sicht in der Regel aber nicht notwendig. Wenn wir über solche Zeitspannen sprechen, stehen soziokulturelle Faktoren, beispielsweise eine Erinnerungskultur im Sinne eines kollektiven Gedächtnisses, im Vordergrund und weniger individual-psychische Aspekte.
