Sexismus, PTBS, und mehr: Was ist denn mit der Spiele-Industrie los?
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In letzter Zeit kommen immer mehr Sexismus-Skandale, Berichte über Crunch, Frat-Boy-Culture und Ähnliches aus der Spiele-Industrie an die Öffentlichkeit. Insgesamt wirkt es derzeit so, als wäre die gesamte Videospiel-Industrie von diesem Problem betroffen. Ich begebe mich daher auf die Suche nach Spielen, die man noch guten Gewissens unterstützen kann.
Kann man das Werk vom Künstler trennen? SOLL man es vom Künstler trennen? Das ist eine Frage, welche seit jeher Medienkonsumenten beschäftigt. In den letzten Jahren etwa ist es Joanne K. Rowling, Autorin der Harry-Potter-Romane, die hier für Schlagzeilen und Diskussionen sorgt. Sie postete auf Twitter einige Trans-kritische Kommentare. Auch nach herber Kritik vieler Fans nahm sie diese nicht zurück, sondern bekräftigte ihre Ansichten noch und stieß damit die tatsächlich sehr große Harry-Potter-Fanbase innerhalb der Trans-Community vor den Kopf.
Auf Videospiele bezogen gilt dann: Kann und soll man Games von ihren Publishern und Entwicklerstudios trennen, wenn die sich tendenziell problematisch äußern oder verhalten? Und wie kann jeder individuell damit umgehen, wenn das Verhalten eines Unternehmens diametral den eigenen Wertevorstellungen gegenübersteht?
In diesem Artikel
Tschüss Blizzard!
Mittlerweile wird es deutlich: Ein beachtlicher Teil großen Spiele-Studios sind irgendwie gar nicht so cool. Wir alle haben den Skandal rund um Blizzard mitbekommen, glücklicherweise finde ich zumindest World of Warcraft gar nicht mehr so gut, weswegen ich dem Spiel ohne Probleme den Rücken kehren kann. Heroes of the Storm habe ich als Moba-Enthusiast auch ganz gerne gespielt, doch nachdem Blizzard aus heiterem Himmel die E-Sport-Szene des Titels einstellte und dadurch zahlreiche Spieler ihren Job verloren hatten, sah ich keinen Grund mehr, das Spiel weiterzuspielen. Bei Hearthstone gab es die Hongkong-Kontroverse, Warcraft 3: Reforged war schlichtweg nicht gut und die Entwickler brachen so gut wie alle ihre Versprechen.
Bei Diablo gibt es in der heutigen Zeit viele gute Alternativen von Firmen, welche ihre Mitarbeiter - nach jetzigem Wissensstand - nicht ausbeuten und schlecht behandeln. Es fällt mir also nicht so schwer, Abschied von Blizzard zu nehmen. Klar, die meisten normalen Entwickler der Firma können für diese Umstände nichts, doch das große Geld machen immer noch die Personen in den oberen Etagen, und dort finden sich viele der beschuldigten Angestellten.
Paradox und Ubisoft sind ebenfalls vom Tisch
Doch wie sieht es mit anderen Spielen und Genres aus? Wenn es um Strategie geht, ist Paradox Interactive einer der größten Player auf dem Markt. Europa Universalis, Victoria, Crusader Kings, alles ziemlich gute Spiele. Doch wie sich nun herausstellte, beherbergt auch Paradox die sogenannte "Frat Boy Culture" und zahlreiche - vor allem weibliche - Mitarbeiter beschwerten sich über Mobbing am Arbeitsplatz und Ähnliches.
Vielleicht kann Far Cry 6 ja ein wenig Ablenkung verschaffen. Jedoch, das wurde von Ubisoft Toronto entwickelt. Und Ubisoft steht seit einiger Zeit gehörig in der Kritik. In verschiedenen Studios des weltweit agierenden Unternehmens soll es zu sexueller Belästigung, zu Mobbing und zu anderem dramatischem Fehlverhalten gekommen sein. Auch eine Anzeige gegen führende Mitarbeiter wurde eingebracht. Mehrere leitende Unternehmenszugehörige mussten ihren Hut nehmen. All diese Missstände sollen lange bekannt gewesen, oftmals aber ignoriert worden sein.
Auch andere Studios haben so ihre Probleme
Die Vorwürfe müssen nicht immer von riesigem Ausmaß sein. Aber auch bei Mortal Kombat kann ich nicht bedenkenlos zugreifen, dabei sind Kampfspiele eines meiner liebsten Genres. Teil des Entwicklungsprozesses ist es, dass die Entwickler stundenlang ultrabrutale Videos mit echter Gewalt ansehen. Zumindest bei einem der Angestellten führte das zu einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er konnte nicht mehr normal schlafen, da er jede Nacht sehr verstörende Träume über diese Dinge hatte.
Wie wäre es stattdessen mit Valorant? Auch mit Shooter habe ich meinen Spaß. Aber dann denke ich dran, dass bei Riot Games ja genau die gleiche Frat-Boy-Culture herrscht wie bei so vielen anderen großen Gaming-Studios. "Nein" heißt für Brandon Beck wohl nicht immer "Nein," doch für mich ist es zumindest ein klares Nein an die Spiele von Riot Games.
Crunch, Crunch, und noch mehr Crunch
The Witcher 3 von CD Projekt Red gilt als eines der besten Open-World-Spiele überhaupt. Ich persönlich mag auch Sci-Fi, also wieso nicht Cyberpunk 2077 ausprobieren? Laut Definition stellt ein Cyberpunk-Setting eine Dystopie dar, welche vor allem Kritik an Kommerzialisierung und Großkonzernen ausübt, die ihre Mitarbeiter für Profit ausbeuten. Um dieses Spiel auf den Markt zu bringen, mussten die Entwickler sechs Tage die Woche arbeiten, wurden also wohl ausgebeutet, damit ein Spiel entsteht, welches Ausbeutung durch Konzerne kritisiert.
Ist das noch Ironie oder schon Zynismus? Vor allem, wenn man bedenkt, dass CDPR Crunch zuvor schon öffentlich abgeschworen und sich für entsprechende Methoden in der Vergangenheit entschuldigt hatte? Boni, die nach dem Launch des Spiels ausgezahlt werden sollen, sind zudem oft an Metacritic-Wertungen geknüpft. Das ist bei vielen Studios so, aber dennoch eine hinterfragenswerte Vorgehensweise.
Crunch kommt generell bei vielen größeren Entwicklerstudios leider immer wieder vor. So mussten Entwickler bei Rockstar beispielsweise ganze 100 Stunden pro Woche an Red Dead Redemption 2 arbeiten.
Amazon macht genau so weiter wie bisher
Ein neuer Player in der Spielebranche, aber was den Umgang mit Mitarbeitern angeht, leider ganz schön altmodisch. Amazon. Die Amazon Game Studios feiern mit dem MMO New World gerade große Erfolge, das riesige Unternehmen dahinter gilt aber als einer der größten Übeltäter, was miese Behandlung der Angestellten angeht. Streng regulierte Pinkelpausen, Überwachung zu jeder Sekunde, fehlende Schutzmaßnahmen während der Hochphase der Corona-Pandemie, Arbeiten bis zum Zusammenbruch und, und, und.
Sämtliche Boxen werden hier wieder abgehakt, Frat-Boy-Culture, Sexismus, etc. etc. Laut Jason Schreier haben viele weibliche Angestellte, welche bei diversen anderen Firmen arbeiteten, die schlimmste Art von Sexismus bei Amazon erlebt. Bei der harten Arbeit hat sich der gute Herr Bezos doch noch einen Weltall-Flug verdient, bezahlt von den Konsumenten.
Und Electronic Arts? Die zielen mit der Monetarisierung ihrer Spiele vor allem auf ein junges Publikum ab, welche noch nicht richtig mit Lootboxen (Glücksspiel) und dergleichen umgehen können. FIFA ist thematisch fraglos für alle Altersklassen geeignet, die natürlich sehr gezielt so gestalteten Systeme vor allem im Ultimate-Team-Modus hingegen definitiv nicht.
Die Spiele-Industrie braucht fundamentale Änderungen
Eines ist wohl klar: irgendwas stimmt mit der Videospiel-Industrie so überhaupt nicht. Kein Wunder, dass Angestellte von Ubisoft und Blizzard in einem offenen Brief "echte Änderungen" fordern. Und das nicht nur bei ihren eigenen Firmen, sondern in der ganzen Industrie. Doch so wie es derzeit aussieht, werden fundamentale Änderungen wohl noch eine ganze Zeit auf sich warten lassen. Schließlich werden auch Spiele mit problematischer Entstehungsgeschichte immer noch millionenfach gekauft und Bobby Kotick und Co. entlassen hunderte Mitarbeiter und stauben trotzdem riesige Bonuszahlungen ab.
