Der Erfolg von Nintendos Switch: Wie Phönix aus der Asche
Special
Mit der Switch segelt Nintendo nach der Wii-U-Pleite wieder auf den Wellen des Erfolgs. Doch wie haben die Japaner diese drastische Kehrtwende hinbekommen und mit welchen Mitteln will Nintendo auch in Zukunft mit der Hybridkonsole punkten?
In den Monaten vor dem Launch der Nintendo Switch (jetzt kaufen 299,00 € ) waren die Augen von Spielern und Vertretern der Videospielindustrie gleichermaßen ganz genau auf Nintendo gerichtet. Zwar konnten die Japaner in den letzten Jahren mit der 3DS-Linie Erfolge im Handheldmarkt verzeichnen (wenngleich deutlich geringere als zuvor noch mit dem DS), doch im Bereich der Heimkonsolen hatte man mit der Bauchlandung der Wii U zu kämpfen. Entsprechend groß waren die Erwartungen an Nintendos neue Konsole - zumal der neuartige Hybrid die beiden Lager Heimkonsole und Handheld miteinander verschmelzen sollte.
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Nun,beinahe ein Jahr nach Veröffentlichung der innovativen Hybridkonsole, ist klar, dass die Switch nicht nur einen phänomenalen Start am Markt hingelegt hat, sie übertraf auch noch sehr deutlich sowohl Nintendos eigene Erwartungen als auch die vieler Industrievertreter und Dritthersteller. Am 31. Januar 2018 gab Nintendo bekannt, dass in den ersten zehn Monaten (vom Launch am 3. März bis Ende Dezember 2017) 14,86 Millionen Exemplare der neuen Konsole in den Handel abgesetzt wurden. Damit hat die Switch die Gesamtverkäufe von Nintendos letzter Konsole Wii U (13,56 Millionen) in weniger als einem Jahr bereits übertroffen. Zugegeben, das ist an sich keine große Leistung, schließlich war die Tabletkonsole ein kommerzieller Flop. Wesentlich beachtlicher ist die Tatsache, dass sich die Switch somit ebenso rapide verkauft, wie die Wii und die Playstation 4 im gleichen Zeitraum.
Quelle: Nintendo
Die Hybrid-Natur der Switch ermöglichst es, typische Heimkonsolen-Spiele wie Zelda: Breath of the Wild völlig unkompliziert und jederzeit einfach mitzunehmen.
Darüber hinaus verkündete man Anfang Januar, dass die Switch mit über 4,8 Millionen abgesetzten Exemplaren die am schnellsten Verkaufte Konsole in der US-Geschichte innerhalb der ersten 10 Monate ist! In Deutschland wurden 2017 mehr 600.000 Tausend Stück abgesetzt, in Großbritannien nochmal Hunderttausend Exemplare mehr und in Frankreich erreichte man sogar über 911.000 Verkäufe. In Nintendos Heimatland waren es sogar über 3,7 Millionen Stück bis Ende 2017. Bis heute ist die Nachfrage nach der Switch in Japan so hoch, dass nach wie vor sämtliche neugelieferten Konsolen kurze Zeit später komplett vergriffen sind.
Entsprechend hat Nintendo die interne Verkaufs-Prognose inzwischen bereits deutlich erhöht und rechnet damit, bis Ende März 2018 insgesamt auf 16,7 Millionen verkaufte Switch-Konsolen zu kommen. Doch damit begnügt man sich noch lange nicht. In einem Interview mit einer Kyotoer Tageszeitung verriet Nintendo-Präsident Tatsumi Kimishima, dass man im kommenden Geschäftsjahr (also von April 2018 bis März 2019) nochmal über 20 Millionen Switch-Verkäufe anpeile. Dazu setzt man auf eine umfangreiche Expansionsstrategie, mit der man die Konsole bei einer breiten Menge an Zielgruppen etablieren möchte. Doch wie hat Nintendo diese beeindruckende Kehrtwende auf die Beine gestellt und wie will man diesen Erfolg weiter ausbauen?
Intelligente Vermarktung
Ganz im Gegensatz zur Wii U hat Nintendo bei der Switch sehr viel direkt von Anfang an richtig gemacht. Schon wie die Konsole der Öffentlichkeit erstmals präsentiert wurde, war ein kleiner Genie-Streich. Keine große Pressekonferenz voller Marketing-Worthülsen und Versprechungen. Nein, Nintendo veröffentlichte am 20. Oktober 2016 einfach nur ein knapp dreieinhalb Minuten langes Youtube-Video, in dem das grundlegende Konzept der Switch ganz ohne Worte und perfekt auf den Punkt gebracht veranschaulicht wurde. Es war kurz und prägnant, es war leicht verständlich, es beinhaltete den markanten Switch-Klicksound, der fortan als Markenzeichen der Konsole dienen sollte und vor allem war es perfekt dazu geeignet, auf den sozialen Medien geteilt zu werden. Entsprechend schnell verbreitete sich die Ankündigung und etablierte das clevere Hybridkonzept der Switch noch vor der "richtigen" Enthüllung, die am 13. Januar 2017 in Form einer klassischen Pressekonferenz in Japan folgte.
Überhaupt hat sich Nintendo mit dem Wechsel von der Wii U zur Switch einem radikalen Imagewechsel unterzogen. Wenn man das Nintendo der Wii-U-Ära mit dem jetzigen Nintendo vergleicht, kommt es einem fast so vor, als wären es zwei komplett verschiedene Firmen. Während die Wii U in erster Linie für Kinder beworben wurde und in den Werbespots entsprechend wie ein Kinderspielzeug wirkte (zusätzlich verstärkt durch das klobige Design des Wii-U-Tablets), setzte Nintendo zur Markteinführung und in den darauffolgenden Monaten auf lifestylige Werbung, die auf junge Erwachsene abzielt. Nintendos neue Konsole wirkt dabei zu keinem Zeitpunkt wie ein Spielzeug, das nur für Kids interessant ist. Stattdessen wird die Switch passend zu ihrer guten Verarbeitung und dem geschmeidigen Design beworben:
Quelle: Nintendo
Nintendo hat die Switch im ersten Jahr mit hochwertig produzierten Werbeclips beworben, die in erster Linie begeisterte Zocker in ihren Zwanzigern in sämtlichen Lebenslagen zeigen.
als High-End Gerät für technikaffine Zocker. Nicht nur wirkt die Konsole dadurch hochwertig, es ist auch deutlich zu merken, dass Nintendo bei der Außenkommunikation zur Switch wesentlich selbstbewusster auftritt. Erst im zweiten Schritt, als die Kernzielgruppe bereits an Bord war, wurden jüngere Spieler mit der Enthüllung und Bewerbung von Nintendo Labo angesprochen. Doch auch hier merkt man nichts vom alten Auftreten der Wii-U-Ära.
Das Kernkonzept der Switch ging klasse auf
Entscheidend für den großen Erfolg der Hybridkonsole ist die tadellose Umsetzung des Grundkonzepts. Denn alles, was die Werbespots versprechen, hält das Gerät auch tatsächlich. Wer bisher abseits des TVs zocken wollte, musste entweder größtenteils auf andere Spiele ausweichen oder im Fall von Vita und PS4 mit einer unzuverlässigen Streaming-Lösung leben. Mit der Switch kann man erstmals ohne großen Aufwand und zuverlässig vollwertige Heimkonsolen-Spiele wie Zelda: Breath of the Wild, Super Mario Odyssey, TES 5: Skyrim oder Doom jederzeit mitnehmen und einfach weiterspielen - sei es außerhalb des eigenen Domizils oder ganz gemütlich auf dem Sofa, im Lesesessel, im Bett oder auf der Terrasse. Sicher, man muss teilweise mit ein paar grafischen Kompromissen leben, aber inhaltlich bekommt man genau das gleiche Erlebnis. Außerdem geschieht der Übergang von TV-Modus zu Handheld-Betrieb und umgekehrt binnen weniger Sekunden und ohne Unterbrechung des Spiels. Sämtliche Menüs sind elegant und schnell, die Ladezeiten sind aufgrund der Cartridges bis auf Ausnahmen angenehm kurz und der Sleep-Modus sorgt sowohl unterwegs als auch am Fernseher für viel Zeitersparnis.
Quelle: Nintendo
Laut Daten von Nintendo nutzen mehr als die Hälfte der Switch-Besitzer das Gerät sowohl am TV als auch mobil. Demnach findet das vielseitige Hybrid-Konzept der Switch durchaus Verwendung bei den bisherigen Käufern.
Auch die Möglichkeit, mittels Joy-Cons kurzfristig und jederzeit einen zweiten Spieler mit ins Boot zu holen, mag zwar nicht so komfortabel sein wie mit zwei Pro-Controllern, ist bei den meisten Titeln aber absolut praktikabel. All diese Dinge machen die Switch als Gesamtpaket sehr ansprechend und überaus vielseitig. Dass das Konzept der verschiedenen Nutzungs-Modi Anklang bei den Switch-Käufern gefunden hat, besagen von Nintendo gesammelte Nutzerstatistiken. Demnach spielen etwa 18% aller mit einem Nintendo Account registrierten Switch-Spieler in erster Linie (mindestens 80% ihrer Spielzeit) nur im TV-Modus, etwa 30% daddeln vermehrt im Handheld-Betrieb und mit 52% nutzt der Großteil der Spieler die Switch sowohl am Fernseher als auch abseits der Station.
Satoru Iwatas Vermächtnis
Die Erfolgsgeschichte der Switch begann allerdings weder zum Launch am 3. März 2017, noch mit dem Video im Oktober 2016. Die ersten Weichen für den Erfolg der Hybridkonsole wurden schon viel früher gestellt und zwar 2014 vom ehemaligen Nintendo-Präsidenten Satoru Iwata. Eines der Hauptprobleme der Wii U bestand darin, dass Nintendo nicht schnell genug hochwertigen Spielenachschub nach dem Launch der Tablet-Konsole gewährleisten konnte. Das rührte vor allem daher, dass man den Mehraufwand bei der Entwicklungs-Umstellung von SD- zu HD-Spielen unterschätzte. Das Resultat war eine monatelange Spiele-Flaute, die der Wii U beinahe sämtlichen Schwung nach Launch entzog. Um solch einen Fauxpas in Zukunft zu vermeiden, leitete Iwata eine komplette Restrukturierung der internen Entwicklung innerhalb Nintendo ein, um Handheld- und Heimkonsolenentwicklung miteinander zu fusionieren und eine schnellere Entwicklung zu gewährleisten. Offiziell abgeschlossen war diese Neuordnung am 16. September 2015 und parallel dazu wurde auch die Führungsstruktur angepasst, um Nachwuchstalente innerhalb der Firma besser fördern zu können.Die Früchte dieser Bemühungen konnte Nintendo 2017 mit der Switch endlich ernten, denn diesmal konnte man einen steten Strom aus interessanten Spielen gewährleisten. Mit The Legend of Zelda: Breath of the Wild bot Nintendo direkt vom Start weg einen herausragenden Mega-Knaller, der zu den am besten bewerteten Spielen überhaupt zählt und noch Monate später in aller Munde war. Aber auch danach folgte 2017 ausnahmslos jeden Monat zumindest ein großer Titel entweder direkt von Nintendo oder einem Dritthersteller-Partner. Mario Kart 8 Deluxe im April, Minecraft im Mai, ARMS im Juni, Splatoon 2 im Juli, Mario + Rabbids Kingdom Battle im August, Pokémon Tekken DX und FIFA 18 im September, Super Mario Odyssey und Fire Emblem Warriors im Oktober, TES 5: Sykrim und Doom im November sowie Xenoblade Chronicles 2 im Dezember.
Ergänzt wurden diese großen Brocken mit einer Vielzahl an hochwertigen Indie-Spielen, die vor allem im zweiten Halbjahr den Nintendo eShop der Switch regelrecht fluteten. Von tollen Klassikern wie World of Goo oder Cave Story+ über immer noch sehr beliebte Hits der jüngeren Zeit wie Shovel Knight, Stardew Valley, Overcooked und Rocket League bis zu hin zu ganz neuen Indie-Perlen wie Steamworld Dig 2, Snipperclips, Celeste und Golf Story wurde Switch-Besitzern bereits vor Abschluss des ersten Jahres viel Auswahl geboten.
Quelle: PC Games
Während die großen Publisher schwächelten, stürzten sich Indie-Entwickler wie die Macher von Steamworld Dig 2 regelrecht auf Nintendos neues Gerät.
Ein Direktvergleich der beiden eShop-Angebote von Wii U und Nintendo Switch spricht dabei Bände im Hinblick auf die Auswahl an Spielen. Bis zum 16. Februar 2018 wurden auf der Wii U nach etwas über fünf Jahren 722 Spiele veröffentlicht - Virtual Console Titel inklusive. Die Switch kann nach etwas weniger als einem Jahr mit 435 Spielen bereits mehr als halb so viele vorweisen! Und jede Woche kommt mindestens ein weiteres Dutzend hinzu, meistens wesentlich mehr.
