Nier im Test für PS3 und Xbox 360: Jede Menge Gameplay-Ideen, spannende Figuren, aber trotzdem wenig Spielspaß
TestSpannende Figuren, jede Menge Gameplay-Ideen, aber trotzdem wenig Spielspaß. Was ist da los? In unserem Test von Nier lest ihr, warum das so ist!
Bunte Truppe: Ein fl iegendes, sprechendes Buch, ein Hermaphrodit und ein Skelettdings - diese Truppe wirkt aber spektakulärer, als sie es letztendlich ist.
Square Enix meint es ernst mit Nier. Ein großes, neues Franchise im Portfolio soll es werden und uns vor allem mit einer epischen Story umblasen. Die Geschichte ist sogar so zentral, dass man uns vertraglich verbot, über einige Plotelemente Auskunft zu geben. Deswegen lediglich die Kurzzusammenfassung: Die Runenpest zehrt an der Gesundheit der kleinen Yonah. Ehrensache, dass der Herr Papa, in dessen Rolle ihr schlüpft, alles versucht, um ein Heilmittel zu finden. Sogar einen Pakt mit dem magischen, sprechenden Buch Grimoire Weiss geht er ein. Der klugscheißende Wälzer ermöglicht ihm dafür Zugriff auf magische Fähigkeiten, die im Kampf gegen Schattenwesen nützliche Dienste erweisen. Wie diese Kreaturen genau in die Welt gelangt sind, was sie mit der Runenpest am Hut haben und wieso es munter plappernde Bücher gibt, das gilt es nun herauszufi nden. Mehr dürfen wir wie gesagt nicht verraten, aber schon mal so viel: Schon die Geschichte ist Vorbote für weitere Macken im Spiel. Einige im Vorfeld als völlig unerwartet angepriesene Storywendungen entpuppen sich als recht vorhersehbar. Auch die Charaktere, auf die ihr während eurer Reise trefft und die euch zum Teil auch im Kampf unterstützen, klingen vornehmlich auf dem Papier spannend. Im Spiel wirkt es aber eher aufgesetzt, wenn etwa die hübsche Kaine herumflucht wie ein Rohrspatz (inklusive ausgiebigen Gebrauchs von F-Wörtern).
N00b: Solche Bosse sind mit billigen Taktiken besiegbar. Dadurch büßen die cool inszenierten Kämpfe viel an Atmosphäre ein.
ZU VIEL DES GUTEN
Gleiches gilt fürs Gameplay. Man kann wirklich nicht behaupten, dass wenig Inhalt in Nier stecke. Mit Wortrunen motzt ihr drei unterschiedliche Waffentypen auf, die sich auch tatsächlich in ihrer Handhabung unterscheiden. Obendrein gibt's massig Nebenquests und sogar Shooter-ähnliche Geschicklichkeitseinlagen, die an Retroklassiker wie Contra erinnern. Doch genau hier liegt das Problem: Nier will einfach zu viel von allem, setzt aber nur wenig konsequent um. Das liegt vor allem an der Verbindung der einzelnen Elemente und dem sich daraus ergebenden Spielfluss. Da wird man erst vier Mal zwischen Punkt A und Punkt B hin- und hergeschickt, bis eine Quest endlich beginnt. Oder man gewinnt eigentlich episch inszenierte Bosskämpfe, indem man sich einfach außerhalb des Angriffsradius eines Monsters begibt und es mit Fernkampfattacken zukleistert, bis es die Segel streicht. Immer wieder stoßen wir auf solche völlig belanglosen Spielabschnitte. Tiefpunkt ist eine Reihe von Aufgaben, für die wir in die Traumwelten komatöser Charaktere eintauchen. Eigentlich eine Steilvorlage für abgefahrenes Leveldesign. Aber alles, was wir präsentiert bekommen, ist weißer Text auf schwarzem Grund, gespickt mit ein paar Multiple- Choice-Möglichkeiten - von denen einige zum unweigerlichen Game-over-Bildschirm führen.
Blutwurst: Dass die Schattenwesen so stark bluten, liegt nicht nur am Zweihand-Schwert. Die Gewalt wirkt arg aufgesetzt.
IRGENDWO IM NIERGENDWO
All dies trägt sich in den ersten zehn Spielstunden zu. Danach ist der Einstieg ins Spiel geschafft und wir erhalten endlich Zugriff auf alle Waffen- und Magiearten. Doch selbst dann legt Nier kaum an Tempo zu. Mit einem bewusst langsam erzählten Einstieg, wie wir ihn jüngst zum Beispiel in Assassin's Creed 2 so formidabel präsentiert bekamen, hat das beschriebene Missionsdesign also herzlich wenig zu tun. Die weitläufige, dabei aber meist ereignislose Spielwelt ist einfach nicht straff genug für die se Art Spiel und entziehen dem actionlastig angelegten Gameplay Tempo und Spannung. Die meiste Zeit gaukelt Nier uns Open World mit irre vielen Möglichkeiten vor, wo es doch eigentlich ein relativ geradliniges Action-Adventure ist. Das ist schade, weil die wenigen Abschnitte, in denen sich Nier genau dazu bekennt, richtig gut funktionieren. So abgedroschen es klingt: Weniger wäre in diesem Fall tatsächlich mehr gewesen. Doch beherzigt wurde dieses Motto nur bei der technischen Umsetzung. Stilistisch orientiert man sich an Klassikern wie Shadow of the Colossus, doch es ist nicht gelungen, diesen Stil ansprechend auf Next-Generation- Niveau zu hieven. Zu sehen gibt es karge Landschaften, angepinselt mit unschönen Texturen, zu hören einlullende Enya- Dudel-Musik. Dafür hat man sich zum Standard gewordene Features wie Rumble-Unterstützung gespart.
Screenshots aus Nier für PS3 und Xbox 360:
Bildergalerie
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