Destiny 2 schwächelt, Sony schwingt die Abrissbirne: Ist Marathon Bungies Sargnagel?

Special Stefan Wilhelm
Destiny 2 schwächelt, Sony schwingt die Abrissbirne: Ist Marathon Bungies Sargnagel?
Quelle: Bungie

Sony schließt Entwicklerstudios, der Live-Service-Sektor brennt und Destiny 2 wird so wenig gespielt wie noch nie - Bungies Extraction-Shooter Marathon launcht unter düsteren Vorzeichen. Aber ist es wirklich schon an der Zeit, den legendären Entwickler abzuschreiben?

Der Halo- und Destiny-Entwickler Bungie bringt sein erstes neues Spiel seit fast zehn Jahren auf den Markt: Marathon, ein Extraction-Shooter, der in den letzten vier Jahren von knapp 300 Köpfen entwickelt wurde.

300 Mitarbeiter, die ihrem Launch jetzt hoffentlich stolz und zuversichtlich entgegenblicken. Wir können uns aber auch vorstellen, dass die jüngsten Ereignisse für so manche Bauchschmerzen gesorgt haben: Bungie-Besitzer Sony startet links und rechts Versuche, in den Live-Service-Markt vorzudringen, scheitert in den meisten Fällen daran und macht dann Studios dicht.

Gleichzeitig läuft es bei Bungies goldener Gans, Destiny 2, gerade so schlecht wie noch nie zuvor. Jetzt steht natürlich eine brisante Frage im Raum: Was passiert eigentlich mit Bungie, wenn Marathon (jetzt kaufen / 25,99 € ) die Erwartungen nicht erfüllt?

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Die Destiny-Story: Das Spiel, das ständig "stirbt" und trotzdem lebt

Zuerst einmal müssen wir uns aber ansehen, wie wir überhaupt hier hingekommen sind. Schon vor dem großen Beben in der Spieleindustrie waren Krisen kein Fremdwort für das Studio. Das lässt sich vor allem am Kurs ihres größten Franchise, Destiny, ablesen - ein Kurs, auf den vermutlich jeder Achterbahnbauer neidisch wäre.

Destiny, Bungies Mega-Projekt nach dem Weggang bei Microsoft, schlägt 2014 erst mal ein wie eine Bombe. Es ist allerdings auch schon seit seinem Start umstritten.

Einerseits überzeugt es mit hervorragendem Gunplay, einem faszinierenden Universum und einem Soundtrack, der so gut ist, dass er den Rest des Spiels fast im Alleingang zusammenhält. Das muss er aber auch, denn andererseits ist Destiny anfangs ein substanzloses Grind-Spiel mit einer völlig vermurksten Story und zu wenig Content.

Über die kommenden Monate wird es immer wieder für tot erklärt, wenn die neuen Inhalte nicht gut sind oder gleich ganz ausblieben. Es hat aber auch seine Momente der Wiedergeburt. Allen voran die Taken-King-Erweiterung von 2015.

Mit der aktuellsten Erweiterung, Renegades, hat es Bungie mit einer Star-Wars-Kollaboration versucht. Der große Durchbruch war die allerdings auch nicht. Quelle: Bungie Mit der aktuellsten Erweiterung, Renegades, hat es Bungie mit einer Star-Wars-Kollaboration versucht. Der große Durchbruch war die allerdings auch nicht. Insgesamt ist Destiny dann 2017 endlich auf dem Niveau, das man sich schon zu Release gewünscht hat. Da steht aber bereits der Nachfolger ins Haus, den Bungie zum Teil auch wegen der Vertragsbedingungen mit Publisher Activision entwickelt. Destiny 2 entpuppt sich als zweischneidiges Schwert: An den ersten Tagen kann der Nachfolger Spieler und Kritiker noch überzeugen, dank seiner Kampagne, dem nochmals verbesserten Gunplay und Loot im Überfluss.

Die Stimmung kippt aber direkt wieder, als die Community schon nach wenigen Dutzend Spielstunden fast alles im Spiel gesehen hat. Destiny 2 ist zu simpel, zu einfach, zu kurz. Viele gute Aspekte, die sich der Vorgänger über drei Jahre angeeignet hat, fehlen jetzt wieder, und das Sequel wirkt in puncto Spieltiefe, als wären wir in der Zeit zurückgereist. "Bungie hat nichts aus der Vergangenheit gelernt und Destiny ist am Ende", heißt es im Internet.

Vor allem, weil sich das erste Add-on, Curse of Osiris, als Vollkatastrophe entpuppt. Die Spielerzahlen fallen so rapide, dass man Destiny 2 intern bei Bungie nur noch wenige Wochen gibt, bevor der letzte Spieler das Licht ausmacht.

Das passiert aber nicht, im Gegenteil. Mit der großen Erweiterung Forsaken kommt Destiny 2 ein Jahr nach dem Release wieder auf Kurs und sammelt etliche Pluspunkte bei der Community. Story, Content, Mechaniken, Endgame - hier stimmt so gut wie alles. Nur die Verkaufszahlen sind Activision zu niedrig, der Publisher verabschiedet sich, Bungie wird unabhängig. "Die böse Hexe ist tot, ab jetzt geht's nur noch aufwärts!", so der Gedanke unter Fans.

Aber: Pustekuchen. Shadowkeep, die erste Erweiterung der Post-Activision-Ära, bietet viele recycelte Inhalte und wenig Neues. 2020 dann der nächste Skandal: Bungie erklärt, dass Destiny 2 zu groß ist, um noch effizient weiterentwickelt zu werden, und entfernt bergeweise bezahlten Content aus dem Spiel. Die Entscheidung hängt Bungie bis heute nach.

Der 'Red War', die ursprüngliche Story-Kampagne von Destiny 2, ist schon seit Jahren nicht mehr spielbar. Quelle: Activision/Bungie Der "Red War", die ursprüngliche Story-Kampagne von Destiny 2, ist schon seit Jahren nicht mehr spielbar. Während das Grundgerüst des MMO-Shooters nun Free-to-Play ist, sorgen die gestrichenen Inhalte dafür, dass neue Spieler in der Mitte der Story einsteigen müssen. Auch mechanisch wird Destiny 2 immer komplexer, was Langzeitfans freut, aber Neueinsteiger abschrecken kann. Eine vernünftige Onboarding-Phase bekommt Bungie jahrelang nicht hin. Es folgen weitere Jahre voller vermeintlicher Tode und Wiedergeburten.

Anfang 2022 kauft dann Sony die Destiny-Macher für 3,6 Milliarden Dollar, um seine neue Service-Game-Strategie zu unterstützen. Passend, dass Destiny 2 zu dem Zeitpunkt gerade im Aufwind ist.

Die Erweiterung The Witch Queen begeistert nämlich mit einer tollen Kampagne, großem Umfang und einer Story, die das Finale des ersten großen Story-Aktes einläutet.

Blöd nur, dass das enttäuschende Lightfall im Jahr darauf das Spiel direkt wieder unbeliebt macht. Bungie schafft es aber, nachzuhelfen, und macht Fans mit einem dicken Gratis-Update heiß auf die Erweiterung zum zehnjährigen Jubiläum von Destiny. Es klappt: Zu The Final Shape explodieren bei Steam die Spielerzahlen und die Community ist restlos begeistert.

War die Finale Form auch der finale Destiny-Gipfel?

Allerdings ist ein Großteil der Spieler offenbar nicht daran interessiert, wie es nach dem vorläufigen Story-Finale weitergeht. Die Erweiterungen vom Juli und Dezember 2025 erreichen bei weitem nicht die Zahlen ihrer Vorgänger. Das passiert auch, weil Bungie im selben Zeitraum die Progression im Spiel verschlimmbessert und der Community damit vors Schienbein tritt wie selten zuvor. Diesen jüngsten Scherbenhaufen kehren die Entwickler bis heute zusammen.

Tendenz fallend: Seit The Final Shape erreicht Destiny 2 sehr viel weniger Spieler. Quelle: popularity.report Tendenz fallend: Seit The Final Shape erreicht Destiny 2 sehr viel weniger Spieler. Aktuell sind die (sichtbaren) Zahlen bei Destiny 2 so schwach wie noch nie. Die nächste Erweiterung des MMO-Shooters wurde kürzlich um drei Monate verschoben, um sie größer und polierter zu machen. Ob das genug ist, um die etlichen weggefallenen Spieler wieder reinzuholen, ist fraglich.

Die Performance von Destiny 2 erfüllt jedenfalls schon seit Längerem nicht die Erwartungen, die Sony bei der Übernahme hatte. Seit der Akquise durch den Tech-Konzern hat Bungie Berichten zufolge knapp die Hälfte seiner Belegschaft verloren, übrig bleiben laut den aktuellen Zahlen etwa 850 Mitarbeiter. Die meisten wurden entlassen, teils hat Sony sie aber auch in seine anderen Studios integriert.

Bungies größte Marke wurde schon so oft zu Unrecht für tot erklärt, dass wir uns wie eine kaputte Platte fühlen, wenn wir das jetzt sagen, aber: Diesmal sieht es für Destiny tatsächlich ernst aus. Die Erweiterung, die am 9. Juni 2026 erscheint, muss endlich wieder eine Erfolgsgeschichte werden.

Garantiert nicht einfach, wenn so viele Spieler weg sind, aber nicht unmöglich - immerhin hat Bungie mit The Taken King, Forsaken, The Witch Queen und The Final Shape bereits ähnliche Trendwenden hinbekommen, auch wenn die Täler da nicht so tief waren.

Soweit also die turbulente Geschichte von Destiny, die zeigt, dass es bei Bungie eigentlich schon immer auf und ab geht. Seit Mai 2023 ist der MMO-Shooter aber nicht mehr das einzige Eisen, das Bungie im Feuer hat. Da wurde nämlich mit einem todschicken Video der Extraction-Shooter Marathon vorgestellt, der nun knapp drei Jahre später endlich erscheint. Und so viel ist uns jetzt schon klar: Das Defizit beim anderen Franchise wird Marathon allein nicht ausgleichen können.

  1. Seite 1 Bungie und Destiny: Vom Gipfel in den Abgrund und umgekehrt
  2. Seite 2 Marathon ist nicht das Schicksalsspiel
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