Emily Is Away: Special zur emotionalen Chatsimulation, die uns mit in die Vergangenheit nimmt
Special
Ein Spiel, bei dem wir uns ganz entspannt vor dem Rechner in den Schreibtischstuhl gleiten und uns in die Urzeiten des Internets entführen lassen können: Genau das ist Emily Is Away. Die zurzeit dreiteilige Indie-Reihe kann mit authentischen Dialogen und real wirkenden Charakteren verzaubern. Wie genau sie das schafft und ob ihr vielleicht selbst Lust bekommt, diesem Zauber zu verfallen, das klärt sich im Folgenden.
"Emily Is Away". Aber wohin ist die Gute denn verschwunden? Der Titel der Retro-Chatsimulation bezieht sich auf die Benachrichtigung, welche Nutzer erhalten, wenn sich ihr Gesprächspartner aus dem AOL Instant Messenger (AIM) ausgeloggt hat. Einige von uns erinnern sich eventuell noch an die Zeiten von Windows XP und denken voller Wehmut an die vertraute grüne Wiese zurück. Mit Emily Is Away können wir die Frühzeit des Internets nochmal auferleben lassen und bekommen obendrein eine interaktive Geschichte voller Emotionen geliefert.
Inhaltsverzeichnis
Quelle: Kyle Seeley
Schon im Titelbildschirm werden wir direkt in eine einfachere Zeit zurückversetzt.
Indie-Entwickler Kyle Seeley hat mittlerweile drei Teile der Reihe auf Steam veröffentlicht, wobei der aktuellste am 16. April 2021 erschien. In Emily Is Away <3 - das Herz ist Teil des Namens - bedienen wir nicht mehr AIM, sondern eine simulierte Version von Facebook, denn wir befinden uns diesmal im Jahr 2008. Was uns beim Spielen bzw. beim Chatten konkret erwartet und warum es sich für euch lohnen könnte, einmal selbst in die Welt von Emily und Co. einzutauchen, erfahrt ihr hier.
Teil 1 - Emily Is Away
Quelle: Kyle Seeley
Welches Icon repräsentiert uns und unsere offensichtlich brandaktuellen Interessen am besten?
Wir schreiben das Jahr 2002. Zu dieser Zeit sind wir als Spieler ein Teenager, der sich gerade mit der High-School und all den Problemen der Pubertät rumzuschlagen hat. In unserer Freizeit sitzen wir gern mal vor dem Rechner, um über den damals beliebten AOL Instant Messager mit unseren Freunden Nachrichten auszutauschen. Bevor es aber losgeht mit dem angeregten Austausch, gibt es für uns erstmal ein paar Vorbereitungen zu treffen. Wir wählen unseren Namen, mit dem wir angesprochen werden wollen, einen Nickname sowie ein Profilbild mit einem zeitgenössischen Motiv. Dabei besteht die Auswahl unter anderem aus bekannten Album-Covern und Filmpostern, die Anfang der 2000er aktuell waren. Beispielsweise können wir uns mit Blink182 oder dem ersten Harry-Potter-Teil identifizieren. In jedem Kapitel stehen uns neue Icons zur Verfügung und darüber hinaus können weitere freigeschaltet werden. Unser Geschlecht spielt übrigens keine Rolle und wird auch nicht abgefragt, denn der gesamte Dialog uns gegenüber ist nicht geschlechtsspezifisch gehalten.
Quelle: Kyle Seeley
Unser Autor Yannik hatte hier ein kleines Cameo mit einem wunderbar kitschigen Profil.
Wir starten nach der Kapitelübersicht mit einem klobigen, graublauen Fenster, das unsere Buddy List anzeigt, also unsere Kontaktliste. Hier finden wir die Profile verschiedenster Leute und dürfen uns durch farbenfrohe Zitate und mal mehr, mal weniger tiefgründige Gedanken klicken. Für viele Spieler vermutlich ein kleiner Schreckmoment: Auch Personen aus der realen Steam-Freundesliste können hier auftauchen. Das Spiel greift sich nämlich deren Namen ab und paart sie mit einem zufälligen Profil. Es kommt dabei zu ziemlich absurden und amüsanten Kombinationen.
Auch wenn die Anzahl der möglichen Chatpartner scheinbar recht groß ist, können wir doch nur mit einer Person in Kontakt treten. Und zwar mit keiner geringeren als Emily höchstpersönlich, welcher das Spiel seinen Namen verdankt. Wir können über ein Symbol sehen, dass sie gerade online ist, als wir uns einloggen. Da wird es auch schon Zeit, ihr die erste Nachricht zu senden. Über ein Textfeld mit drei Optionen entscheiden wir uns für einen Gesprächseinstieg. Es wird nicht der gesamte Satz angezeigt, sondern nur eine Kurzform, die in abgesendeter Form nochmal ein wenig ausführlicher wird.
Um zu schreiben, hauen wir einfach zufällig auf unsere Tastatur und die Worte erscheinen auf dem Bildschirm. Dass wir aber tatsächlich zum Tippen angehalten werden, scheint auf den ersten Blick nur ein winziges Gimmick zu sein, in Wirklichkeit aber entsteht besonders dadurch die starke Immersion, die wir bei der Simulation spüren. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielen brauchen wir nicht viel Fantasie, um uns vorstellen zu können, wir wären ganz real in der Situation des Protagonisten. Das macht einiges der Magie hinter Emily Is Away aus.
Quelle: Kyle Seeley
Howdy Emily! So geschmeidig schleichen wir uns in Emilys DMs.
Insgesamt können wir uns durch fünf zusammenhängende Kapitel texten, wobei jedes davon ein Jahr nach dem vorigen stattfindet. Der letzte spielbare Abschnitt behandelt also das Jahr 2006. Nachdem wir eine Session beendet und uns ausgeloggt haben, vergeht bis zum nächsten Treffen mit Emily eine Weile, in der einiges passieren kann, abhängig davon, welche Entscheidungen wir getroffen haben. Bestimmte Teile der Konversation haben nämlich erheblichen Einfluss darauf, wie sich unsere Beziehung zu Emily weiterentwickelt. Aber auch davon abgesehen reagiert Emily sehr glaubwürdig auf unsere Spielweise. Beispielsweise kommentiert sie das gewählte Profilbild individuell. So können wir mehrere Durchgänge genießen, bei denen wir mit verschiedenen Antwortoptionen herumexperimentieren.
Die ganze Geschichte, die sich um uns und Emily entfaltet, wurde ganz bewusst nicht besonders spannend oder ausgefallen gestaltet. Sie ist realistisch und könnte einem jeden von uns auf diese Weise widerfahren, sodass wir uns perfekt in das Geschehen hineinversetzen können. Durch die gut umgesetzten Dialoge wirkt Emily lebendig und uns wird das Gefühl vermittelt, sie würde uns vielleicht tatsächlich irgendwie wahrnehmen.
Lange dauert ein Durchlauf des Spiels nicht. Aber für den Preis von absolut gar nichts - den ersten Teil der Reihe gibt's auf Steam kostenlos -, bekommen wir etwas Wunderbares geliefert. Kyle Seeley schafft es mit geringen Mitteln und einer simplen Mechanik, uns auf eine bewegende Reise mitzunehmen.
Teil 2 - Emily Is Away Too
Im zweiten Teil ändert sich das Spielprinzip nicht grundlegend, aber es kommt eine ordentliche Schippe Content oben drauf. Der Knackpunkt - auf den sich auch das "Too" im Titel bezieht - ist dabei, dass wir nun parallel zu Emily mit einer weiteren Person chatten können. Dabei handelt es sich um Evelyn, die mit uns unter dem Nickname Punk4Eva kommuniziert. Außerdem bekommen wir ab und zu Links zugesendet, die uns zum Beispiel auf YouToob oder Facenook weiterleiten. Diese Webseiten sind angelehnt an ihre Pendants aus dem echten Leben und wurden optisch an die Spielwelt angepasst. Uns werden Musikvideos zugesendet, die den Zeitgeist der frühen 2000er einfangen und über die Ergänzung der Facenook-Profile erhalten wir weitere Einblicke in das Privatleben unserer Chatpartner.
Quelle: Kyle Seeley
Hier erfahren wir zum ersten mal von Evelyn, einer Punk liebenden, edgy Teenagerin.
Beim Start des Spiels werden wir gefragt, ob wir Emily Is Away Too oder Emily Online spielen möchten. Da stellt sich direkt die Frage: Was zur Hölle ist bitte Emily Online? Handelt es sich dabei um ein episches MMORPG? Nein, leider nicht. Aber dahinter versteckt sich zumindest ein ziemlich cooles Feature. Und zwar können wir das nostalgische Design von Emily Is Away nutzen, um damit unseren Steam-Chat zu ersetzen.
Quelle: Kyle Seeley
"This installer is definitely fake."
Beginnen wir dann mit dem eigentlichen Spiel, begrüßt uns ein simuliertes Installationsprogramm. Hier sind ein paar kleine Gags eingebaut und wir werden mit einem klassischen Windows XP Hintergrundbild unserer Wahl im Pixellook versorgt. Damit sorgen wir für die perfekte Atmosphäre, um uns in der Zeit zurückversetzen zu lassen. Ab dann geht es wie gewohnt weiter, lediglich das Layout des Messengers hat sich ein wenig verändert. Zudem können wir nun auch selbst ein Profil aus lustigen Filmzitaten und Songtexten basteln.
Während der Vorgänger die Jahre 2002-2006 abgedeckt hat, erstrecken sich die fünf Kapitel von Teil zwei über einen kleineren Zeitraum, nämlich 2006-2007. Allerdings gibt es keine inhaltlichen Zusammenhänge zwischen den beiden Spielen. Denn obwohl wir im Verlauf von Emily Is Away die Highschool abgeschlossen und anschließend ein College aufgesucht haben, finden wir uns in Emily Is Away Too erneut in der Highschool wieder.
Im Laufe des Spiels lernen wir Evelyn und Emily immer besser kennen. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein und jeder wird hier seine Präferenz haben, mit wem es ihm mehr Spaß macht, sich zu unterhalten.
Teil 3 - Emily Is Away <3
Quelle: Kyle Seeley
Mat möchte, dass wir uns für einen coolen Status entscheiden, um unser Profil zu vervollständigen. Wie wollen wir uns unseren digitalen Freunden gegenüber präsentieren?
Der dritte Teil des Textabenteuers findet der chronologischen Reihenfolge nach im Jahr 2008 statt. AOL hatte zu dieser Zeit deutlich an Bedeutung verloren und galt als tot. Wer also weiterhin online chatten wollte, musste es anderen nachtun und zu Facebook wechseln. Diese Ereignisse übertragen sich auch in die Spielwelt. Und zwar insofern, dass wir erstmals nicht die vertraute Buddy List und die klobigen Textfelder vorfinden, an die wir uns schon so sehr gewöhnt hatten. Stattdessen landen wir auf der Plattform Facenook, einer vereinfachten Version des Originals. Haben wir mit einem Profilbild und der Angabe unseres Namens dann knapp unser Profil eingerichtet, erhalten wir auch schon unsere allererste Freundschaftsanfrage. Ist es Emily? Ist es Evelyn? Nein, diesmal haben wir endlich die Möglichkeit, uns mit weiteren Charakteren auszutauschen, die wir bisher nur von ihren Profilen kannten. Dazu gehört unser Kumpel Mat, der uns gleich seine Hilfe dabei anbietet, unsere Facenook-Seite noch ein wenig aufzupimpen.
Es dauert nicht lange, bis wir auch schon die erste wichtige Entscheidung im Spiel treffen müssen. Sowohl Emily als auch Evelyn schmeißen am selben Abend eine Party, um das Ende des Sommers zu feiern. Wo werden wir also hingehen? Nachdem wir uns mit beiden ein wenig unterhalten und alle Infos zu den Veranstaltungen erhalten haben, bekommen wir zwei Facenook-Einladungen zugesendet, denen wir nun zu- oder absagen können. Die Prämisse ist übrigens wie immer, dass wir ein Highschool-Schüler im Abschlussjahr sind.
Quelle: Kyle Seeley
In Profilen rumschnüffeln, willkürlich Leute anstupsen und mit Freunden chatten. Die klassische Facebook-Erfahrung eben.
In Emily is Away <3 stecken wieder mal viel Liebe und eine Vielzahl cooler Details, wie zum Beispiel die kleinen parodierten Werbetexte am Seitenrand. Durch die immer neu aufpoppenden Posts fühlt sich der Spielverlauf dynamisch an. Die Spieldauer hat sich deutlich erhöht und nach Durchlauf eins ist die einzig logische Folge eine zweite Runde. Zumindest, nachdem wir uns seelisch von der emotionalen Achterbahn erholt haben, die dieses Spiel darstellt.
Emily und die Cyberwelt um sie herum kennenzulernen, lohnt sich. Besonders für diejenigen, denen immersive und dialoglastige Spiele sehr am Herzen liegen. Da der erste Teil weiterhin zum kostenlosen Download auf Steam zur Verfügung steht, fällt der Einstieg dabei auch gar nicht schwer. Wer Hunger auf mehr bekommt, hat dann noch zwei weitere Teile vor sich.
