Frostpunk im Test: Überlebenskampf im ewigen Eis

Test Matthias Hartmann 26,99 €
Frostpunk im Test: Überlebenskampf im ewigen Eis
Quelle: 11 Bit Sudios

Wir stehen vor einer unerbittlichen Aufgabe, die uns sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren lässt. Denn in Frostpunk liegt nicht weniger als das Schicksal der Zivilisation in unseren Händen. Wir tragen die schwere Bürde, die letzte Stadt der Menschheit errichten zu müssen. Ein beschwerlicher Pfad, gesäumt von tiefgreifenden moralischen Entscheidungen: Regieren wir mit eiserner Faust oder versuchen wir die Wünsche aller zu erfüllen? Frostpunk wagt den Spagat zwischen Aufbaustrategie und moralischer Gesellschaftssimulation - wie dieser Drahtseilakt gelingt, lest ihr in unserem Test.

Mühsam bahnt sich ein Stahlarbeiter seinen Weg durch den meterhohen Schnee. Ein krankes Kind schultert eine schwere Kiste Bauholz. Müde Ingenieure schleppen mit letzter Kraft Säcke voll Kohle in unser Vorratslager. Dann endlich ist es soweit: Wir legen den großen Schalter um und der turmhohe Generator springt ächzend an. Trotzig speit er flammenden Rauch in den wintergrauen Himmel, eine letzte Bastion der Wärme inmitten einer ewigen Eiswelt. Frostpunk (jetzt kaufen / 26,99 € ) lässt von Beginn an keinen Zweifel daran, was uns erwartet: ein erbarmungsloser Überlebenskampf!

Die This War of Mine -Macher 11bit Studios liefern in ihrem bislang ambitioniertesten Titel eine außergewöhnliche Mischung aus Survival, Gesellschaftssimulation und Aufbaustrategie ab. Die bedrückende Endzeitatmosphäre bleibt stetig greifbar, denn wie ein Damoklesschwert hängt der drohende Kältetod immerzu über unserem Haupt. Gleichzeitig entwickelt Frostpunk eine seltsame Behaglichkeit. Während um den brummenden Generator langsam unsere Stadt aus dem Boden wächst, der Schnee auf den Dächern beheizter Gebäude abschmilzt und sachte aufsteigende Rauchfahnen von munterer Betriebsamkeit zeugen, kommt man nicht umhin eine gewisse Heimeligkeit zu spüren. Ja, es ist ein Spiel der Gegensätze, dieses Frostpunk.

Und als der Winter kam ins Land

Doch zurück auf Anfang: Noch bevor wir unsere Untergebenen erstmals zum Arbeiten schicken, Gesetze erlassen und Technologien erforschen oder unsere Kolonie aufbauen, erzählt uns ein gleichermaßen einfaches wie wirkungsvolles Intro die Vorgeschichte. Ohne Vorwarnung war die große Kälte über die Welt hereingebrochen. Von einem Tag auf den anderen änderte sich alles. Wir schreiben das Jahr 1883 in einer alternativen viktorianischen Zeitlinie, in der ein beispielloser globaler Schneesturm tobt. Während sich die Menschen schutzsuchend in ihren Häusern verbarrikadieren, erstarrt draußen das gesellschaftliche Leben im erbarmungslosen Frost. Das Leben, wie man es kannte, bricht zusammen. In den Stunden des vermeintlichen Untergangs werden Gerüchte laut, über Wärmegeneratoren und letzte zugängliche Kohlevorkommen im hohen Norden. Und so verlässt eine verzweifelte Expedition das erfrorene London, auf der Suche nach dieser letzten Zuflucht in der erbarmungslosen Eiswelt. Auf dem beschwerlichen Weg bleiben nicht nur zahllose Menschen, sondern auch Recht, Gesetz und Fortschritt auf der Strecke. Und so erreichen wir mit nur 80 Überlebenden - dem Tod näher als dem Leben - den verschneiten Krater, in dem die letzte Hoffnung der Menschheit liegt.
Gewissensentscheidung: Oder müssen auch die Jüngsten mit anpacken, für das Wohl aller? Quelle: PC Games Gewissensentscheidung: Oder müssen auch die Jüngsten mit anpacken, für das Wohl aller?

Atmosphärische Kälte

Wir wurden zum Anführer auserkoren und tragen nun die schwere Bürde, unsere Leute durch diese dunklen Tage bringen zu müssen. Mit spärlichen Ressourcen, kaum Technologie und ohne soziale Ordnung treten wir ihn an, diesen erbitterten Kampf, zwischen unserer kleinen Stadt und dem übermächtigen Winter. Und es fehlt an allem. Kein Dach über dem Kopf, nichts zu essen und mit den wenigen mitgebrachten Rohstoffen kommen wir auch nicht weit. Also schicken wir unsere Arbeiter und Ingenieure mit bloßen Händen zum Ressourcenabbau und errichten die ersten Gebäude.

Holz und Stahl reichen bald für ein paar notdürftige Zelte, eine kleine Werkstatt und ein Speisehaus, das den restlichen Proviant zubereitet. Mit ausreichend Kohlevorrat lässt sich endlich der Generator anwerfen und erstmals macht sich Wärme breit in unserer kargen Zuflucht. Und so haben wir ein wenig Zeit uns der Situation bewusst zu werden, in die uns Frostpunk so jäh hineingeworfen hat. Während die erste Nacht anbricht, dämmert uns das ganze Ausmaß dieser Aufgabe: Wir sind die winzige Fackel Hoffnung in einem Meer aus Frost! Doch er weilt nur kurz, dieser nachdenkliche Moment. Denn schon drängt uns das Spiel die ersten Entscheidungen auf und beginnt geschickt, uns in die Zwickmühle zu manövrieren: Kümmern wir uns um die Bedürfnisse im Hier und Jetzt oder bringen wir Opfer für eine bessere Zukunft?

Immer wieder Frostbrand

Gespielt wird in einer Art Kampagne, beginnend mit dem anfänglich verfügbaren Szenario "Ein neues Zuhause". Halten wir dabei mindestens bis zum 20. Tag durch, wird zusätzlich "Die Archen" freigeschaltet. Tolle Steampunk-Details offenbart der wärmespendende Generator in der Nahansicht. Quelle: PC Games Tolle Steampunk-Details offenbart der wärmespendende Generator in der Nahansicht. Gelingt uns das auch hier, kommt das bislang letzte Szenario "Flüchtlinge" dazu. Weitere Missionen sind angekündigt, ebenso wie eine Sandbox-Variante. Letztere vermissen wir schmerzlich, denn aktuell gibt es keine Möglichkeit in einem Endlos-Modus die dampfgetriebene Super-Metropole für die Ewigkeit aus dem Eis zu stampfen. Dass Frostpunk trotzdem ordentlich Wiederspielwert bietet, liegt an der schieren Vielfalt an Entscheidungen und den zusätzlichen Anpassungsmöglichkeiten der Szenarien. Wir können nicht nur den generellen Schwierigkeitsgrad nach oben schrauben, sondern auch einzelne Parameter wie Bedürfnisse, Wirtschaft, Wetter oder Gesinnung sensibler einstellen. Mit diesen zusätzlichen Widrigkeiten müssen wir nochmal eine ganze Schippe drauflegen, um die Szenarien lebend zu überstehen. So lassen sich locker 20-30 Stunden Spielzeit aus Frostpunk herauskitzeln, je nach der individuellen Spielgeschwindigkeit.

Arktische Instrumentarien

Denn im Interface des Spiels dürfen wir auf Wunsch die Zeit beschleunigen oder sogar einfrieren, wenn wir mal länger über wichtige Entscheidungen zu brüten haben. Neben unseren Rohstoffanzeigen sehen wir auch eine Zeitleiste Frostpunk im fortgeschrittenen Stadium: Kolossale Automatons sammeln sich am Generator. Quelle: PC Games Frostpunk im fortgeschrittenen Stadium: Kolossale Automatons sammeln sich am Generator. mit den kommenden vier Tagen, die Temperaturverschiebungen oder wichtige Ereignisse mit einem kleinen Indikator ankündigt. So schlagen wir uns nicht völlig blind durch den großen Schneesturm. Am prominentesten platziert sind die mittige Temperaturanzeige und die Barometer für Unzufriedenheit und Hoffnung. Halten wir die Maus über eine der beiden Leisten, schlüsselt uns ein Pop-up die Gründe für die Gemütslage unserer Bevölkerung auf. Ein Klick auf das Thermometer zaubert das schicke und spielerisch absolut elementare Temperatur-Overlay auf den Bildschirm. Damit blenden wir eine in Echtzeit berechnete Wärmeansicht sämtlicher Gebäude und Personen unserer Stadt ein. Das sieht nicht nur beeindruckend aus, sondern ist vielleicht das zentrale Werkzeug, um optimale Baustandorte auszuloten und zu entscheiden, wo Heizungen eingeschaltet und zusätzliche Dampfzentren gebaut werden sollen.

Eiskalte Stadtverwaltung

In Sachen Aufbau beginnen wir quasi bei null. Anfänglich steht nichts außer einem kleinen Rohstofflager und dem Generator. Dieser ist das wärmespendende Epizentrum unserer Stadt, Fortschritt ist der Schlüssel zum Sieg: Mit zahlreichen Upgrades wird unsere Infrastruktur immer stärker.  Quelle: PC Games Fortschritt ist der Schlüssel zum Sieg: Mit zahlreichen Upgrades wird unsere Infrastruktur immer stärker.  um das wir in konzentrisch gerasterten Kreisen unsere Bauwerke hochziehen. Das geht nach kurzer Eingewöhnung schnell und präzise von der Hand. Ästheten werden sich allerdings über unvermeidliche Restflächen ärgern, die durch verschiedene Gebäudegrößen entstehen und visuell so manchen "perfekten Kreis" zerstören. Bauen wir eine Werkstatt, erhalten wir Zugriff auf den Technologiebaum. Darin schalten wir bis zu fünf Stufen frei, die uns Upgrades und Zugang zu zusätzlichen Rohstoffquellen oder Produktionsstätten freischalten. Zum Beispiel die Fabrik, in der wir später kolossale Arbeitsroboter herstellen oder Prothesen für unsere Versehrten fertigen können. Die letzte, aber nicht minder relevante Einflussgröße ist das Gesetzbuch, über das Regularien für verschiedenste Gesellschaftsbereiche erlassen werden. Wollen wir zum Beispiel Kinderarbeit zulassen? Vielleicht etwas Sägemehl unter die Mahlzeiten mischen, damit mehr Menschen satt (und vielleicht krank) werden? Getreu dem Motto "Brot und Spiele" eine Kampfarena errichten oder knallhart Zwangsarbeit verhängen?

Hoffnungsvoller Drahtseilakt

Es ist diese Balance von langfristigen Zielen und akuten Problemen, von der Frostpunk lebt. Das vielschichtige Ineinandergreifen unterschiedlichster Herausforderungen beschwört immer neue Baustellen und Konflikte herauf, Rauchfahnen, Häuser, Fabriken: Nach den langsamen Anfängen läuft unsere Stadt auf allen Zylindern.  Quelle: PC Games Rauchfahnen, Häuser, Fabriken: Nach den langsamen Anfängen läuft unsere Stadt auf allen Zylindern.  denen letztlich nur durch Kompromisse beizukommen ist. Haben wir unsere prekäre Situation etwas konsolidiert, beginnen wir die Fühler über den Kraterrand auszustrecken und schicken Späher und Außenposten hinaus nach Frostland. Dabei sammeln wir, wenn es gut läuft, Ressourcen und verloren geglaubte Expeditionsmitglieder ein (schlimmstenfalls nur deren Überreste), manchmal treffen wir allerdings auf gefräßige Eisbären. Auf diesem Wege gelangen wir auch an die begehrten Dampfkerne, von denen wir anfangs nur einen im Besitz haben. Zudem jonglieren wir die Versorgung der Pflegebdürftigen und legen das Einsatzgebiet unserer Arbeiter, Ingenieure und Kinder (mit entsprechendem Gesetzerlass) fest. Dem erbarmungslosen Temperaturabfall versuchen wir mit Technologie-Upgrades entgegenzuwirken. Etwa für die Leistung und den Wärmeradius unseres Generators - was allerdings sprunghaft den Kohlebedarf steigen lässt. Zu guter Letzt dürfen wir in zahlreichen Gebäuden Abklingzeit-Fähigkeiten aktivieren, um besondere Effekte auslösen. Schlussendlich laufen aber alle Bemühungen auf zwei entscheidende Parameter hinaus: Unzufriedenheit und Hoffnung. Herrscht ein zu hohes Maß an Unzufriedenheit, bekommen wir ein Ultimatum von unseren Untergebenen gestellt. Können wir das Volk nicht rechtzeitig beschwichtigen, werden wir verbannt oder gar exekutiert. Und auch wenn die Hoffnung den Nullpunkt erreicht, ist unsere Zeit gekommen.

Strategie triumphiert über Moral

Eine Kernfrage, die uns Frostpunk stellen möchte, ist die Frage nach der Moral: Was sind wir bereit zu opfern, im erbarmungslosen Kampf gegen den apokalyptischen Winter? Frostige Lande, harte Sitten: Wir zwingen die abtrünnigen 'Londoneers' mit Gewalt zum Verbleib in der Stadt.  Quelle: PC Games Frostige Lande, harte Sitten: Wir zwingen die abtrünnigen "Londoneers" mit Gewalt zum Verbleib in der Stadt.  Doch ausgerechnet an dieser Stelle schwächelt Frostpunk. Einzelschicksale verblassen in einem übergeordneten Gesamtbild aus Zahlen und Statistiken. Der schadhaften Entscheidung gegen den Einzelnen steht so gut wie immer das Wohlergehen der Masse entgegen. Natürlich sind es harte Maßnahmen, die wir ergreifen müssen. Manche beinahe schon unmenschlich. Aber das Gefühl der Reue mag sich nur schwerlich einstellen, wenn man zugunsten vieler entschieden hat. Denn der Zwang die Kontrolle zu behalten und das Ziel eine ganze Gesellschaft am Leben erhalten zu müssen, lässt das persönliche Schicksal schnell auf der Strecke bleiben. Die Strategie obsiegt über die Moral. Denn von der Warte des strategischen Entscheiders werden die Bürger auf Dauer schnell austauschbar. Der Mensch ist eine Ressource unter vielen. Das starre Story-Korsett, das uns beständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert, tut dabei sein Übriges. Wir sind derart beschäftigt das große Ganze am Laufen zu halten, dass uns schlicht die Zeit fehlt, Zuneigung zu individuellen Personen aufzubauen. Der Pragmatismus lässt den Idealismus hinter sich, denn bei so viel aufbaustrategischem Anspruch bleibt für Mitgefühl nicht viel Platz. Und so lassen uns die harten Entscheidungen in Frostpunk überraschend kalt.

Ein zwiespältiges Spielerlebnis

Am Ende stehen wir wieder ein wenig am Anfang: Frostpunk ist ein zwiespältiges Spiel. Auf der einen Seite ein äußerst gelungenes Aufbaustrategiespiel mit bemerkenswerter Atmosphäre, das die bedrückende Angst vor dem Kältetod allgegenwärtig macht. Andererseits versuchen das Spiel uns angesichts der schwerwiegenden Entscheidungen permanent einen Spiegel vorzuhalten. Doch dieser wirft uns seltsamerweise nur das schulterzuckende Abbild eines Strategen zurück, dem das Gewand des Moralapostels nicht so recht passen mag. Und so spielt sich Frostpunk schlussendlich deutlich mehr wie Aufbaustrategie als Gesellschaftssimulation. Der Aspekt der Moral bleibt ein interessanter Twist, der sich nur unterschwellig ins Spielerlebnis mischt. Optisch kann sich Frostpunk wirklich sehen lassen. Der Steampunk-Look steht dem Spiel hervorragend. Die Liebe zum Detail lässt uns immer wieder ins Geschehen hineinzoomen und genießen. Ein kleines Highlight sind die kurzen Cutscenes, die besondere Meilensteine prägnant inszenieren. Technisch zeigt sich Frostpunk trotzdem recht genügsam und werkelt mit entsprechenden Einstellungen auch auf Mittelklasse-PCs. Wer in 4K-Auflösung zockt und die prächtigen Partikeleffekte und Texturen auf das Maximum zieht, kann auch moderne Hardware ein wenig ins Schwitzen bringen.

Metacritic bewertet das Spiel mit 84%.

Fazit und Wertung

Meinung

Wertung zu Frostpunk (PC)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Herausragende AtmosphäreKlasse Steampunk-LookEingängiges Ressourcensystem mit TiefeEffektive Steuerung und MenüführungGelungener Soundtrack
Zu wenig Übersicht im EndgameMoral-Aspekt bleibt BeiwerkKein Endlos-ModusZu starres Story-Korsett
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