Test zu Carrion: Reverse-Horror-Spiel voll spaßiger Gemetzel

Test Antonia Dreßler Lukas Schmid 19,50 €
Test zu Carrion: Reverse-Horror-Spiel voll spaßiger Gemetzel
Quelle: Devolver Digital

Carrion kombiniert ein klassisches Horror-Setting mit der spannenden Prämisse, selbst das Monster zu sein, das Angst und Schrecken verbreitet. Was hinter der blutigen Fassade steckt und ob der Titel mehr als ein sinnloses Gemetzel darstellt, haben wir für euch im Test herausgefunden.

Mit Carrion bringt Phobia Game Studio ein Reverse-Horror-Spiel auf den Markt, in dem der Spieler die Steuerung eines unersättlichen, tentakelbestückten Monsters übernimmt, das sich ohne Rücksicht auf Verluste durch eine Forschungseinrichtung kämpft. Das Konzept des Reverse-Horror-Spiels ist zwar nicht ganz neu, findet in diesem Titel aber eine erstaunlich spaßige Umsetzung, die jedem Gore-Fan das Herz höherschlagen lässt.

Starten wir das Spiel, wachen wir ohne Umschweife oder Erklärung in einem kleinen Tank auf, neben dem sich ein Warnschild für Biogefährdung befindet. Ein paar Hin- und Herruckler später sind wir auch schon frei und laben uns an den Schreien unserer zukünftigen Beute. Nach genauerer Betrachtung unseres Protagonisten, der vor allem aus einer roten wabernden Masse zu bestehen scheint, erkennen wir Augen, unerwartet viele Zähne und irrsinnig viele Tentakel, die sich fortwährend in Bewegung befinden.

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Unsere gewöhnungsbedürftige Erscheinung versetzt uns in Staunen: So etwas Ekliges durften wir noch nie spielen. Mit besagten Tentakeln bewegen wir uns dann auch vorwärts, immer in die Richtung, in die wir wollen und lassen Leitern oder Treppen links liegen. Dass wir den Menschen nicht freundlich gesinnt sind, wird schnell klar, wenn wir uns das erste unglückliche Opfer schnappen und genüsslich verspeisen. Die Schreie des unbescholtenen Menschleins verstummen abrupt, als wir ihm den Oberkörper abbeißen. Seine Reste werfen wir achtlos fort und wenden uns einem leisen, verzweifelten Wimmern zu, das einen Raum weiter mehr Beute verheißt.

Zu Beginn des Spiels befinden wir uns in einem kleinen Tank neben einem Warnzeichen für Biogefährdung. Quelle: PC Games Zu Beginn des Spiels befinden wir uns in einem kleinen Tank neben einem Warnzeichen für Biogefährdung. Nein, Carrion (jetzt kaufen / 19,5 € ) ist kein nettes Spiel voller Regenbögen und seine explizite Gewaltdarstellung wird ausschließlich dadurch gemindert, dass es sich um einen 2D-Spiel im Pixelgewand handelt. Das tut dem Spielspaß aber keinen Abbruch, sondern lädt dazu ein, herauszufinden, wie mächtig wir als Tentakelwesen eigentlich wirklich sind.

Ganz sinnlos ist das Gemetzel natürlich nicht und in wenigen Passagen dürfen wir in die Vergangenheit blicken und dort einen Menschen spielen, durch den eine spannende Hintergrundgeschichte erahnen können. Da wir schlussendlich in einem abgeriegelten Forschungslabor gelandet sind, könnte es sich bei unserem Blutbad um einen Racheakt handeln, der allen Aliens und Prädatoren dieser Welt Ehre macht. Die größte Inspiration dürfte jedoch John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt gewesen sein, denn auch wir weisen ähnliche Talente vor. Zwischendurch dürfen wir in die Vergangenheit schauen und dort einen Menschen spielen. Quelle: PC Games Zwischendurch dürfen wir in die Vergangenheit schauen und dort einen Menschen spielen.

Raus aus der Gefangenschaft

Je weiter wir kommen, desto stärker bewaffnet sind unsere menschlichen Widersacher. Neben automatischen Pistolen ist der Flammenwerfer unsere größte Schwäche. Quelle: PC Games Je weiter wir kommen, desto stärker bewaffnet sind unsere menschlichen Widersacher. Neben automatischen Pistolen ist der Flammenwerfer unsere größte Schwäche. Das schlussendliche Ziel ist nicht nur die Vernichtung aller Menschen innerhalb des Forschungslabors, sondern auch unsere Flucht aus der sterilen Einrichtung, die vermutlich im Ende der Menschheit kulminieren wird. Dafür müssen wir uns aber erst einmal einen Weg hinausbahnen, was uns vonseiten der Menschen mit allen Mitteln schwergemacht wird. So hangeln wir uns langsam von Raum zu Raum, reißen alles in Stücke und betätigen den ein oder anderen Schalter, der uns weitere Türen öffnet. Ab und an finden wir Risse in den Wänden, in denen wir Teile unserer Biomasse verankern können. Haben wir genug von diesen Punkten markiert, öffnet sich ein Tor zum nächsten Gebiet. Diese Stellen sind es auch, an denen wir speichern und unser Leben wieder auffüllen können, falls die menschlichen Gegner uns einmal erwischen. Die sind nämlich erstaunlich wehrhaft und rüsten im Laufe der Handlung ganz schön auf. Die einfachen Mitarbeiter werden schnell zu bewaffnetem Sicherheitspersonal und schließlich stehen wir nicht nur Soldaten mit Elektroschilden gegenüber, sondern auch in Kampfanzügen und mit schießwütigen Drohnen zur Unterstützung.

Durch Gedankenkontrolle können wir den Körper eines Menschen übernehmen und seine Fähigkeiten und Waffen für uns nutzen. Quelle: PC Games Durch Gedankenkontrolle können wir den Körper eines Menschen übernehmen und seine Fähigkeiten und Waffen für uns nutzen. Doch nicht nur unsere Gegner entwickeln sich weiter. Immer, wenn wir einen weiteren Biogefahren-Tank finden, werden wir mit einer Mutation belohnt. So werden wir nicht nur stetig größer, sondern erhalten auch neue Fähigkeiten, die zu sehr nachhaltigen Toden unserer Opfer führen. Während wir unsere Gegner von Anfang an greifen können, gehören Bodyslams und das Aufspießen fest zum späteren Tötungsrepertoire. Besonders Fähigkeiten wie Unsichtbarkeit und Gedankenkontrolle lehren unseren Gegnern das Fürchten. Mit ihnen können wir unbemerkt in den Reihen der Menschen agieren und so wird Freund schnell zum Feind.

Hoch und runter auf der Evolutionsleiter

Benötigen wir Fähigkeiten, die eine unserer früheren Evolutionsstufen beherrscht, können wir einfach ein Stück Biomasse zurücklassen, um diesen Status Quo wieder herzustellen. Quelle: PC Games Benötigen wir Fähigkeiten, die eine unserer früheren Evolutionsstufen beherrscht, können wir einfach ein Stück Biomasse zurücklassen, um diesen Status Quo wieder herzustellen. Der Clou dabei ist, dass wir mit jeder neuen und größeren Entwicklungsstufe die Fähigkeiten unserer kleineren Version abgeben müssen. Benötigen wir sie erneut, können wir Teile unserer Biomasse an bestimmten Gebieten ablegen und später wieder einsammeln. Mit unserem kleineren Körper erlangen wir auch die dazu gehörenden Fähigkeiten wieder. Das ist besonders wichtig für das große Aufgebot an Umgebungsrätseln in der Welt von Carrion. Während wir vornehmlich Gegner töten, kommen wir des Öfteren nur weiter, wenn wir einen bestimmten Trick anwenden oder einen Gegner steuern, um Türen zu öffnen. Da wir bis zum Ende immer neue Fähigkeiten freischalten und stets mit neuen Hindernissen konfrontiert werden, bleibt das Geschehen durchweg spannend. Das Konzept von gezielter Evolution und Degeneration bietet neben blutigem Massenmord auch einige interessante Knobeleien, die nie zu schwierig sind und trotzdem anspruchsvoll genug, dass man sich selbst auf die Schulter klopfen möchte.

Metroidvania-typisch kommen wir durch neue Fähigkeiten auch an alten Hindernissen vorbei. Backtracking ist also zumindest im Ansatz notwendig, vor allem gegen Ende des Abenteuers. Durch Abkürzungen, die Start- und Endpunkt eines Bereichs miteinander verbinden und dank eines sehr agilen Protagonisten, der nicht hüpft, sondern fröhlich über alles hinwegschleimt, was ihm im Wege steht, ist das aber kein bestimmender Faktor. Obwohl Phobia Game Studio zudem gänzlich auf eine Minimap verzichtet hat, kommt nur selten Frust auf. Die Welt ist in mehrere Ebenen aufgeteilt, die alle verbunden sind, doch der Aufbau ist zumeist schlüssig. Wir verirrten uns während unserer Zeit auf der Forschungsstation nur einmal wirklich.

Nur auf der Durchreise

Mit jeder Stelle, die wir in der Welt mit unserer Biomasse markieren, kommen wir einen Schritt weiter zum nächsten Gebiet. Quelle: PC Games Mit jeder Stelle, die wir in der Welt mit unserer Biomasse markieren, kommen wir einen Schritt weiter zum nächsten Gebiet. Perfekt ist Carrion leider nicht, denn trotz des spaßigen Blutvergießens, das sich in seiner Grausamkeit stetig steigert, und der interessanten Rätselpassagen, hat das Spiel auch ein paar kleine Schwächen. Wie gesagt verirrt man sich nur selten, wenn es dann aber doch einmal passiert, hilft es nicht, dass alle Gebietsübergänge absolut gleich aussehen und auch immer im gleichen Stil geöffnet werden. Das sorgt mitunter für Längen im Spiel, die durch mehr Abwechslung in den ebenfalls immergleichen Zwischensequenzen sicherlich vermeidbar gewesen wären.
Die Hintergrundgeschichte unseres absonderlichen Protagonisten ist ebenfalls ein irritierender Punkt, der nicht ganz geklärt wird. Die Passagen, in den wir einen Menschen spielen, der anscheinend in der Vergangenheit auf unsere Biomasse stößt, sind spannend. So richtig erfassen können wir das Intermezzo aber nicht. Zu viele Fragen drängen sich uns auf, die nicht beantwortet werden. Ein paar Storysequenzen mehr hätten sicherlich nicht geschadet. Dafür haben wir im Abspann viel Zeit zum Grübeln und Carrion schafft es so, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Die besondere Stärke des Titels ist aber vor allem die tolle Atmosphäre. Als stetig wachsendes Monster fühlen wir uns in der Tat mächtig und überlegen uns immer neue Taktiken, wie wir möglichst großen Schaden an den Menschen anrichten können, ohne selbst ins Kreuzfeuer zu geraten. Das grandiose Sounddesign untermalt unsere Bedrohlichkeit gekonnt. Unser Gurgeln, Knurren und Brüllen würde uns das Blut in den Adern gefrieren lassen, wären wir nicht selbst das Ungetüm. Die Rufe der Soldaten, das Wehklagen der unbewaffneten Menschen und die Schreie der von Tentakeln gepackten Opfer sind so überzeugend, dass sich in uns ein menschliches, schlechtes Gewissen regt. All das wird begleitet von einem düsteren Sound, der unser Herz zum Klopfen bringt. Unbescholten wähnen sich unsere Opfer in Sicherheit, bevor wir sie mit unseren Tentakeln zerreißen. Quelle: PC Games Unbescholten wähnen sich unsere Opfer in Sicherheit, bevor wir sie mit unseren Tentakeln zerreißen. Es sind die vielen kleinen Dinge, die uns in die Welt des Abenteuers eintauchen lassen. Jeder Schalter fühlt und hört sich schwer und mechanisch an, unter Wasser lauschen wir auf gedämpfte Töne und zerberstendes Holz kündet von großen Splittern, die massiven Schaden anrichten. Zuletzt überzeugt auch die Pixeloptik vollends. Wenn sich unsere Tentakel im Raum verteilen und wir flüssig von Punkt zu Punkt hangeln, kaum sichtbare Klebefäden hinter uns herziehen und sämtliche Oberflächen einglibbern, ist das schaurig-schön anzusehen. Auf unserer Durchreise zerbrechen wir nicht nur menschliche Körper, sondern auch allerlei Zeugs wie Glühbirnen und Computer. Als Horrorspiel würde Carrion uns das Fürchten lehren. So aber haben wir endlich verstanden, warum Gruselgestalten immer so unglaublich aggressiv sind, statt ein nettes Gespräch zu suchen: Das Monster zu sein macht einfach Spaß!

Obwohl ein großer Teil des Spiels aus Umgebungsrätseln besteht, die sich auch bei einem erneuten Durchgang nicht ändern, hat es einen gewissen Wiederspielwert. Sämtliche Mechaniken funktionieren so flüssig, dass man gar nicht mehr aufhören will und einfach des Herummonsterns wegen noch einmal loslegt. Die relativ kurze Spielzeit von fünf bis acht Stunden, je nachdem, wie sehr man sich ohne Minimap verliert, ist zwar knapp bemessen, dennoch ist Carrion ein absolut lohnender Titel, der zu begeistern weiß.

Meinung & Wertung

Meinung

Wertung zu Carrion (PC)

Wertung:

9.0 /10

Wertung zu Carrion (NSW)

Wertung:

9.0 /10

Wertung zu Carrion (XBO)

Wertung:

9.0 /10
Pro & Contra
Intuitive SteuerungTolle AtmosphäreFantastisches SounddesignImmer neue HerausforderungenNeue Fähigkeiten laden zum Experimentieren einNie zu leicht oder zu schwerInteressantes und spannendes SettingMacht sehr viel Spaß
Recht kurze SpielzeitManchmal wäre eine Minimap hilfreich gewesenDiffuse Story
Fazit

Das Reverse-Horror-Spiel beeindruckt mit seiner Fülle an rotem Pixelblut und gibt uns einen wahrlich unersättlichen Protagonisten an die Hand, wie wir ihn schon immer spielen wollten.

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