Biomutant im Test: Eine flauschige Open-World-Enttäuschung
Test 35,99 €
Am 25. Mai erscheint das Open-World-Rollenspiel Biomutant auf PC und Konsolen. Das Third-Person-Abenteuer des schwedischen Entwicklerstudios Experiment 101 offenbart neben einer schicken Welt und spaßigen Kämpfen auch einige grobe Schwächen. An manchen kann noch gearbeitet werden, für andere ist der Zug bereits abgefahren. Warum das RPG dennoch seine Fans finden wird, erfahrt ihr in unserem Test mit Video.
Schon die ersten bewegten Bilder von Biomutant, die bereits im Jahr 2017 auf der Gamescom gezeigt wurden, erregten die Aufmerksamkeit etlicher Spieler, ja es entstand beinahe ein kleiner Hype. Das knuffige, Waschbär-ähnliche Wesen und die kunterbunte Spielwelt machten Lust auf mehr. Doch welche Richtung das Open-World-Rollenspiel genau einschlagen wollte, ging aus den ersten Spielszenen nicht hervor. Zumindest stand fest, dass Looten, Crafting, das Aufleveln diverser Charakterwerte und Auseinandersetzungen mit Nah- sowie Fernkampfwaffen eine Rolle spielen würden. Etliche Monate und Verschiebungen später erscheint das Abenteuer nun am 25. Mai auf PC und Konsolen.
Biomutant im Test
Die Frage, die sich jetzt stellt: Kann sich Biomutant von anderen Open-World-Rollenspielen unterscheiden oder gar Innovationen in das Genre bringen? Die kurze und klare Antwort nach unserem Test lautet: Nein. Da helfen auch keine Klingelings und Tuck-Tucks.
Ernstes Thema, ausbaufähige Umsetzung
Quelle: PC Games
Manche Bereiche der alten Welt wurden beinahe komplett dem Erdboden gleichgemacht. Dieses Diner im Bild hat seine besten Zeiten hinter sich.
Was soll denn eigentlich diese ständige Kindersprache in diesem Test? Ganz einfach, Biomutant (jetzt kaufen 79,95 € / 35,99 € ) spielt in einer postapokalyptischen Welt, in der keine Menschen mehr existieren. Ihre Überbleibsel finden sich aber noch in der kompletten Spielwelt verstreut. Von Kraftwerk-Ruinen über Infrastruktur wie Autobahnen und Eisenbahn-Netz bis hin zu zerfallenen Städten stoßen die neuen Bewohner des Planeten auf etliche Überreste der alten Welt. Diese Bewohner sind mutierte Wesen, halb Mensch und halb Tier. Viele Begriffe der damaligen Zeit haben es in leicht abgeänderter Form auch in den Wortschatz der neuen Bevölkerung geschafft. Wenn die Wesen von Tuck-Tucks und Klingelings sprechen, meinen sie damit Züge und Telefone. Die Eltern werden als Mamu und Papu, Heranwachsende als Kindlinge bezeichnet. Die Idee dahinter ist nett gemeint und hin und wieder auch ganz putzig, aber für den Spieler nutzen sich diese Bezeichnungen nicht nur schnell ab, sondern nerven auch mit der Zeit.
Quelle: PC Games
Die Welt von Biomutant ist abwechslungsreich. Neben Stränden, Wäldern, Bergen, Meeren und Städten können wir auch besonders gefährliche Gebiete besuchen.
Sehr schade, denn der Hintergrund, warum in der Welt von Biomutant keine Menschen mehr existieren, ist ernst und auch gar nicht unrealistisch. Kraftwerke und die allgemeine Umweltverschmutzung sorgten dafür, dass Radioaktivität und extremes Klima die Bevölkerung zum Handeln zwang. Die Menschen kippten daraufhin den entstandenen Giftmüll in die Weltmeere. Doch die Strahlung des Mülls ließ deren Nachkommen mutieren. Hier hätten die Entwickler jedoch noch mehr Mut walten lassen und ins Detail gehen können. Zwar finden wir Relikte, wie Telefone, Tafeln oder andere Überbleibsel mit Botschaften und Geschichten aus vergangenen Zeiten, doch richtig tiefgründig sind diese Informationen nicht. Durch die voranschreitende Umweltverschmutzung entstanden auch gewaltige Mutanten, die die verbleibende Zivilisation zerstören möchten: die sogenannten Weltenfresser. Und diese bringen uns zur eigentlichen Geschichte von Biomutant.
Die helle oder dunkle Seite der Macht
Die vier Weltenfresser wollen den Baum des Lebens zerstören und so die Bevölkerung auslöschen. Mit unserem Charakter müssen wir genau dies verhindern. Oder eben nicht! Denn zu Beginn des Spiels werden wir vor die Wahl gestellt, welchen Weg wir einschlagen möchten. Zum einen können wir uns den düsteren Jagnis anschließen, die die anderen Stämme unterdrücken oder gar vernichten wollen. Die Jagnis sind der Meinung, dass das Schicksal bereits vorgezeichnet ist und der Baum des Lebens daher zerstört werden muss. Auf der anderen Seite hätten wir die Myrihads. Dieser Stamm möchte die restlichen Stämme überzeugen, für das Gute kämpfen und den Baum des Lebens vor den Weltenfressern beschützen. Klingt nach einer großen Entscheidung, fühlt sich im Endeffekt aber nicht so an. Denn bis auf ein paar unterschiedliche Fähigkeiten, die wir eben nur auf der hellen beziehungsweise auf der dunklen Seite bekommen und ein alternatives Ende wirkt sich diese Option nicht großartig auf die Geschichte des Spiels aus. Insgesamt gibt es in der Welt von Biomutant sechs Stämme - drei auf der hellen und drei auf der dunklen Seite.
Quelle: PC Games
In Biomutant dreht sich alles um den Baum des Lebens. Je nachdem, welchen Weg wir einschlagen, müssen wir ihn entweder beschützen oder zerstören lassen.
Je nachdem, welche Antworten wir in den Dialogen mit Anführern oder alten Bekannten geben, wandert auch unsere Aura, die das innere Gleichgewicht darstellt, in eine helle bzw. dunkle Richtung. Das große Problem an diesen Entscheidungsmöglichkeiten ist jedoch, dass uns das Spiel keinen schlüssigen Grund gibt, warum wir die dunkle Seite wählen sollten. Außer den bereits angesprochenen zusätzlichen Fähigkeiten bietet uns Biomutant keinerlei Vorteile beim Einschlagen des bösen Weges an. Für Spieler, die die Welt einfach nur brennen sehen wollen, ist es schön, dass solch eine Entscheidung getroffen werden kann, doch für den Großteil dürfte die dunkle Herangehensweise absolut überflüssig sein.
Quelle: PC Games
Von einigen Dorfbewohnern erhalten wir ganz klassische Nebenaufgaben. Diese Quests sind allerdings sehr eintönig und mitunter sogar nervig.
Ein weiterer Story-Abschnitt dreht sich mehr um die persönlichen Anliegen unserer Spielfigur. Als Kindling musste unser Charakter mit ansehen, wie seine geliebten Eltern von einem bösen Wesen namens Lupa Lupin getötet wurden. Zwar wurde er selbst von dem Mutanten verschont, doch durch die traumatischen Erlebnisse zog es unsere Spielfigur zunächst in die Ferne. In Dialogen mit alten Bekannten kehren nach und nach die Erinnerungen an die damalige Zeit zurück und es stellt sich die klassische Frage: Ist Rache oder Vergebung der Weg, um das Geschehene zu verarbeiten?
Spiel den selben Song Abschnitt nochmal
Quelle: PC Games
Bei Eroberungen von Außenposten und Festungen sprechen wir mit den Anführern des jeweiligen Stammes. Mit genug Charisma schließen sich diese uns auch kampflos an.
Wer kennt sie nicht, die Cantina Band aus Star Wars? Immer und immer wieder spielt sie das gleiche Lied. Doch diesen Klassiker in einer Dauerschleife zu hören, macht mehr Spaß als das Missionsdesign von Biomutant, das ebenfalls von Wiederholungen geprägt ist. Vor allem die Stammeskriege bauen immer auf dem gleichen Prinzip auf. Jeder Stamm besitzt drei Außenposten, sobald diese eingenommen wurden, können wir die Haupt-Festung angreifen. Vor der Erstürmung versammeln sich zwar die Krieger unserer Verbündeten und bereiten sich auf die finale Schlacht vor, doch die Festung betreten wir nur mit drei, vier weiteren Begleitern. Nachdem wir eine Handvoll Feinde besiegt haben, können wir entweder den Stammesführer herausfordern oder ihn überzeugen, sich uns anzuschließen oder aufzugeben. Hier ist entscheidend, wie sehr wir unsere Verhandlungs-Fähigkeiten aufgelevelt haben. Doch auch der Kampf gegen den Anführer führt zum gleichen Ziel. Selbst die Dialoge nach dem Abschluss der Quest sind recht häufig nicht nur ähnlich, sondern absolut identisch zu den vorangegangenen Eroberungen. Auch die restlichen Hauptquests bieten wenig Abwechslung. Kämpfe hier ein wenig, sammle dort etwas Nützliches, löse auf der anderen Seite der Karte ein Rätsel und kehre im Anschluss wieder zurück. Bereits nach kurzer Zeit nerven diese Aufgaben gewaltig.
Wenig hilfreich ist dabei außerdem die katastrophale Wegfindung. Die Karte von Biomutant bietet zwar eine gehörige Abwechslung mit Bergen, Höhlen und Flüssen, doch viele Questmarker liegen unterhalb der Erdoberfläche oder hinter Gebirgszügen. Die Markierungen werden dabei direkt an der Stelle der Mission angezeigt und nicht beispielsweise am Höhleneingang. So kommt es nicht selten vor, dass wir die komplette Gegend absuchen müssen, um zur nächsten Quest zu gelangen. Extrem frustrierend, vor allem, wenn wir dort nur einen klitzekleinen Gegenstand aufsammeln müssen, um in der Hauptquest voranzukommen. Ein gut funktionierendes Schnellreise-System an markanten Punkten erleichtert uns zum Glück die Reise von A nach B. Warum wir aber immer zunächst von unserem Reittier oder Gefährt absteigen müssen, um die Schnellreise-Funktion zu nutzen, bleibt ein Rätsel.
Quelle: PC Games
Unsere alten Bekannten haben das ein oder andere Transportmittel für uns parat. Mit dem Jetski heizen wir zu ansonsten nicht erreichbaren Inseln.
Rollenspiel mit Abstrichen
Zu Beginn des Abenteuers erstellen wir uns zunächst einen Charakter. Das grobe Aussehen ist dabei vorgegeben. Je nachdem, welche Spezies, Stärken und Farben wir auswählen, verändert sich unsere Spielfigur optisch leicht in der Größe und Breite. Dies hat auch Einfluss auf die verschiedenen Attribute. So können wir Vitalität, Stärke, Agilität, Glück, Intellekt und Charisma unseres Charakters anpassen. Durch die beiden zuletzt genannten Fähigkeiten verbessern sich die übersinnlichen Kräfte und die Möglichkeit, gegnerische Anführer und andere NPCs zu überzeugen die Seiten zu wechseln und sich unserem Weg anzuschließen. Außerdem lässt sich in der Charaktererstellung noch entscheiden, gegen welchen Widerstand unsere Figur eine Resistenz entwickelt.
Quelle: PC Games
Zu Beginn des Abenteuers lässt sich unser Charakter individuell gestalten. Hier legen wir nicht nur sein Äußeres, sondern auch seine Stärken fest.
Auf der kompletten Map gibt es in Biomutant bestimmte Zonen, die entweder besonders heiß, kalt, radioaktiv oder biologisch gefährdend sind. In diesen Gebieten können wir uns zwar nur kurze Zeit aufhalten, aber wir finden dort besseren Loot. Manche Gadgets oder Kleidungsstücke werden allerdings erst ab einer bestimmten Stufe freigeschaltet, sodass es sich häufig gar nicht lohnt, in diesen Zonen nach Geheimnissen zu suchen. Zu guter Letzt können wir auch noch eine von fünf Klassen auswählen, durch die wir besondere Boni im Kampf erhalten. Als Wächter erhalten wir beispielsweise einen um 10 Prozent erhöhten Grundrüstungswert, während ein Saboteur die Energiekosten für das Ausweichen reduziert. Mit dieser riesigen Auswahlmöglichkeit punktet Biomutant definitiv. Die Auswirkungen in den Kämpfen hätten allerdings noch um einiges deutlicher ausfallen dürfen. Bei der gewaltigen Anzahl an Optionen wären größere Unterschiede auf jeden Fall wünschenswert gewesen.
Ordentliche Kämpfe ohne großes Kawumms
Quelle: PC Games
Das Gegnerdesign ist sehr gut gelungen und abwechslungsreich. Zum Glück hat unsere Spielfigur stets unendlich viel Munition bei sich.
Das Kampfsystem in Biomutant macht Laune und funktioniert ohne größere Schwierigkeiten. Die unterschiedlichen Gegnertypen sind interessant, abwechslungsreich und innovativ. Der normale Schwierigkeitsgrad wirkt zwar im Großen und Ganzen etwas zu einfach, doch sobald kleine, flinke Feinde und große, kräftige Haudrauf-Typen zusammen angreifen, kann es schon einmal brenzlig werden. Zum Glück lassen sich in der Welt von Biomutant etliche Teile finden, die sich im Menü zu Nah- und Fernkampfwaffen zusammensetzen lassen. Mit Ressourcen wie Plastik oder E-Müll modifizieren und verbessern wir diese Waffen nach und nach. Obwohl es Spaß macht in Gegnergruppen zu hüpfen, fehlt es vor allem den Nahkampfwaffen an Power. Wenn wir einen Feind mit einem Schwert beackern, das so groß wie unser Charakter ist, dann wollen wir das auch spüren. Doch egal, ob einhändige-, zweihändige- oder Schmetterwaffen, alle fühlen sich in der Welt von Biomutant gleich schwer und schnell an.
Quelle: PC Games
Zu den Highlights in Biomutant zählen auf alle Fälle die Kämpfe gegen die vier Weltenfresser. Jeder besitzt seine eigenen Stärken und Schwächen.
Um die vier Weltenfresser zu besiegen, bekommen wir außerdem von unseren alten Bekannten Transportmittel zur Verfügung gestellt. Unter anderem gibt es einen Jetski und eine bewaffnete Roboterhand. In den Hauptquests sammeln wir Teile, um diese Gefährte für die Bosskämpfe zu verstärken. Das Benutzen dieser nützlichen Gadgets ist ziemlich cool und bringt eine ordentliche Portion Abwechslung in das Abenteuer. Manche Fahrzeuge sind jedoch beinahe ausschließlich für die Kämpfe gegen die Weltenfresser vorgesehen. Das heißt, nach ein paar Minuten ist der Spaß auch schon wieder vorbei. Die restlichen Reittiere und Transportmittel lassen sich ganz einfach per Tastendruck herbeirufen. Hin und wieder spawnen diese an recht skurrilen Plätzen, aber welcher Spieler hat schon etwas gegen Plötze-Flashbacks?
Ruckeldizuckel
Quelle: PC Games
Auf den ersten Blick wirkt das Open-World-Abenteuer grafisch top. Bei genauerer Betrachtung fallen uns aber doch auch recht häufig schwammige Texturen und Clipping-Fehler auf.
Nein, das ist kein Begriff aus Biomutant. Aber auch auf der technischen Seite läuft der Titel alles andere als rund. Eigentlich kann sich die Grafik durchaus sehen lassen. Mit kräftigen Farben, einem gelungenen Tag-Nacht-Zyklus, schicken Wettereffekten und einer insgesamt tollen Umsetzung der postapokalyptischen Welt setzt das Rollenspiel keine neuen Maßstäbe, überzeugt aber dennoch. Bei genauerer Betrachtung fallen uns zwar immer wieder matschige Texturen und Clipping-Fehler auf, doch diese sind noch verschmerzbar. Ein viel größeres Problem stellen da schon die ständigen Ruckler dar. Nicht nur, wenn auf dem Bildschirm viel geboten ist, kommt Biomutant ins Stottern. Häufig passiert dies auch, wenn wir auf der Reise von A nach B sind. Auf der PlayStation 4 stürzte die Anwendung sogar mehrmals komplett ab. Unter anderem zweimal kurz vor Beendigung des finalen Bosskampfes. Nach dem Neustart der Konsole durften wir diesen dann von vorne beginnen. Äußerst frustrierend!
Quelle: PC Games
Auf was genau wir hier reiten, können wir euch auch nicht sagen. Aber es bringt uns schnell von A nach B. UND: Es kann schießen.
Biomutant besitzt eine deutsche Sprachausgabe, die abgesehen von dem nervigen Erzählstil größtenteils gut funktioniert. Neben den sich häufig wiederholenden Dialogen kommt es allerdings immer wieder vor, dass Gespräche mitten im Satz unterbrochen werden und zur nächsten Textzeile springen. Wer sich in dem Rollenspiel nur auf die Hauptstory fokussiert, dürfte nach etwa 15 Stunden am Ende angelangt sein. Für Spieler mit langem Atem bietet Biomutant zusätzlich eine große Anzahl an Nebenquests und einen Neues-Spiel-Plus-Modus nach Abschluss der Geschichte. Ein umfangreicher Day-One-Patch ist bereits angekündigt und im aktuellen Zustand des Spiels auch nötig. Doch die gröberen Schwächen an Story und Missionsdesign wird auch dieses Update nicht retten können.
