Realismus nervt: Warum Spiele auch einfach mal Spiele sein sollen - Kolumne

Kolumne Lukas Schmid 53,99 €
Realismus nervt: Warum Spiele auch einfach mal Spiele sein sollen - Kolumne
Quelle: Ubisoft

Realismus über alles: In den letzten Jahren, parallel zu technisch immer aufwendigeren Spielen, zeigt sich in vielen Blockbuster-Spielen ein klarer Trend hin zu Realismus um jeden Preis. "Finde ich doof", sagt Redakteur Lukas Schmid, hat für seine Befindlichkeiten aber auch Argumente im Gepäck. Welche das sind, lest ihr in seiner Kolumne. jetzt auch mit Video!

In England gibt es viele Berge und Hügel.

Eine große Erkenntnis, ich weiß. Wird auch nicht dadurch interessanter, wenn ich einschränke, dass ich mich auf den England-Ausschnitt aus Assassin's Creed Valhalla (jetzt kaufen / 53,99 € ) beziehe, nicht die Realität.

Jedenfalls, Berge, viele. Und ich mit meiner Eivor mittendrin. Ganz schön groß dieses virtuelle England, da ist man doch froh, wenn man auf ein treues Ross zurückgreifen kann, das einen flott über die Map bringt.

Außer, da taucht auf einmal so ein Hügel vor mir auf. Oder ein Berg. Und davon gibt es ganz schön viele in England, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte. Dann nämlich bringt mir mein lieber Gaul genau: nichts.

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In einem Anfall von Realitätssuche (ist das das Gegenteil von Realitätsflucht?) haben die Entwickler nämlich beschlossen, dass meine kleine Ersatz-Rosinante, anstatt in Windeseile durch die Gegend zu galoppieren, auf einmal mit dem Tempo eines besonders unmotivierten Mehlwurms voranächzt, sobald das Äquivalent einer Donald-Trump-Schreckensrampe vor ihr auftaucht.

Ich hab ein Pferd, ein ultradoofes Pferd

Realismus nervt: Warum Spiele auch einfach mal Spiele sein sollen - Kolumne (1) Quelle: PC Games Realismus nervt: Warum Spiele auch einfach mal Spiele sein sollen - Kolumne (1) Man kann nun streiten, wie realistisch das ist (meine Vermutung: nicht sehr). Aber in diesen Momenten ist es stets schneller, abzusteigen, mit den eigenen Latschen nach oben zu wackeln und erst dann, wenn es wieder abwärtsgeht, per Pfiff wieder das Glück der Erde unter den eigenen virtuellen Hintern zu beordern.

Viele Worte, aber ich habe einen Punkt, versprochen, und da ist er schon: Die Realität ist Mist. Also nicht generell, wobei man hier derzeit durchaus auch gute Argumente für diese Einschätzung finden könnte. Nein, ich meine bezogen auf Spiele.

Warum greife ich zu Gamepad beziehungsweise Maus und Tastatur und begebe mich in virtuelle Welten? Abseits der Gruppe derer, die Spaß am Landwirtschafts-, Bus- und Steuererklärungssimulator findet, sicher nicht, weil ich dort genau dasselbe erleben will wie im echten Leben. Mir ist es doch Wurst, ob etwas unrealistisch ist, solange es im Kontext des Spiels funktioniert.

Wie in echt, nur anders

Vor allem in Blockbuster-Titeln, die bis zu einem Grad auf ein realitätsnahes Setting setzen, nimmt der Trend hin zum möglichst genauen Abbild dessen, was einen auch in der echten Welt erwarten würde, in den letzten Jahren wenn schon nicht überhand, dann doch definitiv Fahrt auf.

Mein Pferde-Beispiel ist nicht der nervigste Vertreter dieses Umstands, aber ein paradigmatischer: Dass das Pferd beim Weg bergauf langsamer wird, hat keinerlei Funktion, ergibt keinerlei Sinn, abseits davon, dass es eben (scheinbar) realistisch ist. Das Spiel wird dadurch nicht anspruchsvoller, es ergeben sich keine neuen Möglichkeiten, nichts ändert sich, außer, dass ich leicht genervt mit dem Fuß tripple und "Och!", "Ach!" und "Maaann!" stöhne. Warum dieses eine, unnötige Detail, wenn ich gleichzeitig wie üblich aus hunderten Metern Höhe unversehrt in einen Heuhaufen hüpfen kann, Feinde und Objekte auf Knopfdruck rot hervorheben und dank DLC anstatt mit einem Pferd auf dem Rücken eines riesigen Wolfes durch England trabe?

Anderes Beispiel: Red Dead Redemption 2. Zwar habe ich den Western aufgrund einer einst getroffenen moralischen Entscheidung bisher nicht gespielt. Aber manche Dinge, die ich darüber höre und die ich beim Zusehen schon selbst gesehen habe, machen mir diesen Verzicht nicht unbedingt schwerer. Jede Animation wird zelebriert, Tiere werden realistisch gehäutet, zig Elemente dauern doppelt, dreifach, zigfach so lange, wie es notwendig wäre, weil Realismus im Mittelpunkt steht.

Kann man machen, muss man aber nicht

Realismus nervt: Warum Spiele auch einfach mal Spiele sein sollen - Kolumne (3) Quelle: PC Games Hardware Realismus nervt: Warum Spiele auch einfach mal Spiele sein sollen - Kolumne (3) Bevor jetzt geschimpft wird: Ich verstehe (anders als bei Valhalla, wo die Pferde-Bremse einfach nur doof ist), warum dieser Entscheidung getroffen wurde. Ja, all diese Kleinigkeiten dienen in Summe dazu, die Immersion zu steigern und die Atmosphäre zu verdichten. Und das funktioniert ja ganz offenbar. Nicht nur bei uns im Test, sondern auch anderswo kam RDR2 fantastisch weg und gilt sicher aus gutem Grund als eines der besten Spiele der vergangenen Hardware-Generation.

Und trotzdem finde ich diesen Realismuszwang doof. Wenn für schlussendlich eh niemals wirklich umsetzbare Glaubwürdigkeit in Kauf genommen wird, mich als Spieler dermaßen auszubremsen, dann überwiegt der Ärger, da kann noch so viel Mühe in jeden virtuellen Quadratzentimeter der Spielwelt geflossen sein.

Für mich als Spieler weniger nervig, aber aus gänzlich anderen Gründen auch kritikwürdig: Perfektions- und Realismusdrang der Entwickler an Stellen, wo beides wahrlich nicht notwendig wäre. Ich erinnere mich gut an einen Vorschauevent zu GT Sport, von dem der liebe Kollege, der ihn übernommen hatte, zurückkam und zu berichten wusste, dass die Schrauben an einem Riesenrad im Hintergrund der Strecke einzeln modelliert worden waren. Warum er das wusste? Die Macher hatten es ihm stolz erzählt und waren sogar sauer, als er den Sinn hinter dieser Entscheidung im Interview infrage stellte.

Nuts & Bolts

Wozu dieses Detail diente? Außer dazu, sich höflichen Applaus von leicht irritierten Pressevertretern abzuholen, wohl zu nix. Da soll mir dann bitte auch niemand argumentieren, dass man diese Liebe zum Detail ja "fühlen" würde, weil das Spiele-Gesamtpaket an sich stimmiger sei - Blödsinn. Das ist eine vermaledeite Schraube an einer Stelle, die ich als Konsolen-Rennfahrer niemals zu Gesicht bekommen werde. Und sogar, wenn ich dieses Wahnsinnsding bemerken würde, bezweifle ich, dass ich vor lauter Ekstase in die nächste Wand donnern würde. Angesichts der Tatsache, dass GT Sport schlussendlich zwar ein gutes Spiel war, gemeinhin aber als einer der schwächeren Teile der Rennspielreihe gilt und wir ein vollwertiges Gran Turismo 7 auf der PS4 überhaupt nicht zu Gesicht bekamen, darf man wohl behaupten, dass die Zeit und die Mühe für die Schraube an anderer Stelle wohl besser investiert gewesen wären.

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Gut, das "Spürt man"-Argument lasse ich mir bei so etwas wie The Last of Us Part 2 noch eher einreden, wo der Sand realistisch aus einem von einer Kugel getroffenen Sack dröppelt. Ja, da sehe ich ein, dass solche Kleinigkeiten auf einer intuitiven Ebene einen Einfluss haben mögen. Trotzdem stellt sich mir die Frage: Wäre das Apokalypse-Abenteuer mit ein paar mehr Realismus-Einschnitten ein schlechteres Spiel? Rechtfertigt dieser Perfektionismus eine ellenlange Entwicklungszeit, inklusive belegter Ausnutzung der Belegschaft in Form von niemals akzeptablen, exzessiven Crunch-Perioden? Genau dasselbe gilt für die in der Kälte schrumpfenden Pferdehoden in Red Dead Redemption 2 - ist es ein Zufall, dass auch Entwickler Rockstar aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen regelmäßig in der Kritik steht?

Frage 1: Nein, tut er nicht. Frage 2: Nein, ist es nicht.

Mal einen Gang zurückschalten

Spiele werden immer realistischer, Spielgrafik wird immer wirklichkeitsgetreuer. Das ist eine unaufhaltsame und auch definitiv positive Entwicklung. Sie sind schon lange nicht mehr ausschließlich dazu da, Spaß zu machen - sie können schockieren, sie können lehrreich sein, sie können einen ganzen Blumenstrauß an Emotionen auslösen. Und trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sie in ihren Grundzügen ihre Primärfunktion nicht verlieren sollten, und vor allem, dass es niemals sinnvoll ist, Realität auf Teufel-komm-raus abbilden zu wollen. Wird eh niemals hundertprozentig funktionieren.

Es geht mir um Verhältnismäßigkeit; es geht mir darum, etwas, was man tun kann, auch erst einmal darauf abzuklopfen, ob man es auch tun sollte; es geht mir darum, dass die Spielebranche, je größer sie wird, in einem Wahn zur ständigen Maximierung in jeglicher Hinsicht sich nicht verläuft und vergisst, dass es Wichtigeres gibt als Pferdehoden.


Hinweis: In der ursprünglichen Fassung des Artikels ordnete ich die Schrauben-Geschichte Driveclub zu. Tatsächlich entstammt dieses wunderbare Detail aber einer Präsentation zu GT Sport. Der Absatz wurde entsprechend überarbeitet.

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