Nächster Flop: New World? Warum Amazon keine guten Spiele macht

Kolumne David Benke
Nächster Flop: New World? Warum Amazon keine guten Spiele macht
Quelle: Amazon Games

Trotz Investitionen in Millionenhöhe: Auch nach acht Jahren haben die Amazon Game Studios noch immer kein vorzeigbares Spiel abliefern können. Und jetzt droht auch noch das neueste Projekt, das Online-Rollenspiel New World, ein Flop zu werden. Was läuft bei Amazon falsch? Redakteur David Benke versucht sich in seiner Kolumne an einer Erklärung.

Und schon wieder verschoben: Wie die Entwickler von Amazon Games bekannt gegeben haben, kommt ihr Online-Rollenspiel New World nun doch nicht am 31. August. Stattdessen soll es erst am 28. September soweit sein. Es ist bereits das vierte Mal, dass der Titel ein neues Release-Datum spendiert bekommt. Diesmal angeblich, um auf das Feedback auf der kürzlich abgelaufenen Beta zu reagieren. Die war mit über 200.000 gleichzeitigen Spielern auf Steam zwar ein beachtlicher Erfolg, allerdings auch von vielen Problemen geplagt. Und ob ein zusätzlicher tatsächlich Monat reicht, um die bestenfalls durchschnittlichen PvP-Kämpfe, das lahmen Missionsdesign und den dreisten Ingame-Shop zu überarbeiten, wage ich dann doch eher zu bezweifeln.

Ich glaube viel mehr, dass uns hier der nächste Flop ins Haus stehen könnte. Warum? Weil es Amazon Games auch nach acht Jahren und Investitionen in Millionenhöhe bisher noch nicht geschafft haben, ein halbwegs anständiges Spiel auf die Beine zu stellen.

Amazons Spielefriedhof

Ganz im Gegenteil: Seit das Entwicklerstudio 2012 aus der Taufe gehoben wurden, zeichnet es sich vor allem durch eines aus: holprige Entwicklungsprozesse und überstürzte Releases, die sich nicht mal mehrere Monate am Markt halten konnten. Aus dem einst verkündeten Ziel, innovative, spaßige und gut ausgearbeitete Spiele zu entwickeln, ist nichts geworden. Vielmehr pflastern Spieleleichen Amazons Weg.

Amazon Game Studios: Warum der Entwickler keine guten Spiele macht. (3) Quelle: Amazon Game Studios Amazon Game Studios: Warum der Entwickler keine guten Spiele macht. (3) Ein Rundgang auf dem digitalen Friedhof bringt beispielsweise Breakaway zutage, einen teambasierten Brawler für bis zu acht Spieler, der irgendwie MOBA, Tower-Defense und Fußball unter einen Hut bringen sollte. Das klingt nicht nur kompliziert, das war es auch. Breakaway wollte zu viel auf einmal, war einfach nur hektisch und vollkommen unverständlich. Die Konsequenz: Bereits nach neun Monaten wurde die Entwicklung auf Eis gelegt. "Vorübergehend", wie es zunächst hieß. Die Arbeiten wurden aber nie wiederaufgenommen, stattdessen widmete man sich lieber anderen Projekten.

Etwa Projekten wie Crucible, dem nächsten großen Ding. Das erhofften sich die Macher zumindest. Dass daraus nicht geworden ist, sollten mittlerweile alle mitbekommen haben. Der 6-gegen-6 Third-Person-Shooter floppte grandios und ging als eine der größten Enttäuschungen des Spielejahres 2020 in die Geschichtsbücher ein. Die hippen Helden im Overwatch-Stil, die gerade einmal drei Spielmodi und die eine einzige Map waren für vier Jahre Entwicklung einfach zu wenig. Nur wenige Wochen nach dem offiziellen Release wurde Crucible wieder in die Beta zurückgestuft. Im Herbst 2020 folgte das endgültige Aus.

Flops am Laufenden Band

Ich könnte diese Liste noch gefühlt ewig weiterführen: Da ist etwa noch The Grand Tour: The Game, ein lizenziertes Spiel zum gleichnamigen Fernsehmagazin auf Amazon Prime. Das vermischte Segmente aus der Auto-Show mit Gameplay-Abschnitten, stellte sich dabei aber so unbeholfen, so unkreativ an, dass es in der Fachpresse geradezu zerrissen wurde. Furchtbares Handling, fehlendes Schadensmodell, öde Inszenierung und mäßiger Umfang wurden mit einem Metascore von 52 abgestraft. Nicht einmal anderthalb Jahre nach Release wurde der Titel aus den digitalen Ladentheken genommen.

Amazon Game Studios: Warum der Entwickler keine guten Spiele macht. (4) Quelle: Amazon Game Studios Amazon Game Studios: Warum der Entwickler keine guten Spiele macht. (4) Andere Projekte schafften es nicht einmal so weit: Zu einem Herr-der-Ringe-MMO, das nach Streitigkeiten mit dem chinesischen Unternehmen Tencent im Frühjahr eingestellt wurde, gibt es etwa nicht einmal Trailer oder Screenshots. Ähnlich verhält es sich mit Intensity, mit dem Amazon auf den Fortnite-Hype-Train aufspringen wollte, 2019 aber die Notbremse zog. Und auch das als League-of-Legends-Konkurrent geplante Nova erblickte nie das Licht der Welt. Hier war 2017 Schluss.

Die Frage bleibt: Warum? Wie kann es sein, dass ein Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen es nicht schafft, in der Spieleentwicklung Fuß zu fassen? An mangelnder Kompetenz kann es eigentlich nicht liegen. Mit Double Helix Games kaufte Amazon 2014 gleich ein komplettes Entwicklerstudio mal so im Vorbeigehen auf. Ergänzt wurde das Team, das sich zuvor mit Killer Instinct oder Battleship einen Namen gemacht hatte, mit einigen prominenten Vertretern der Branche. Dazu gehörten etwa Clint Hocking, Creative Director von Far Cry 2, und Portal-Designerin Kim Swift. Leute also, die eigentlich wissen sollten, wie man gute Spiele macht. Wenn man sie denn lässt.

Geld allein reicht nicht

Die Monster auf Crucible sind schick designt, stellen euch aber vor keine spielerische Herausforderung. Außerdem gibt es nur recht wenige unterschiedliche Gegnertypen. Quelle: PC Games Amazon Game Studios: Warum der Entwickler keine guten Spiele macht. (2) Genau das scheint nämlich das Problem zu sein: das Umfeld, in dem die Titel entstehen. Amazon ist ein Unternehmen, das zahlen- und gewinngetrieben arbeitet. Entsprechend werden auch an seine Spielesparte ziemlich hohe Erwartungen gestellt:
Jede Amazon-Produktion muss ein "Milliarden-Dollar-Franchise" sein, das Tausende Spieler anzieht und am besten gleich auch noch an das Amazon-Ökosystem bindet. Ganz nach dem Motto: Ihr mögt unsere Spiele, dann probiert doch auch mal unsere Prime-Abonnements und Cloud-Services aus! Das sorgt dafür, dass keine Experimente gewagt werden. Stattdessen orientiert man sich lieber an dem, was bei der Konkurrenz schon funktioniert: Live-Service-Games, Online-Multiplayer und kosmetische Mikrotransaktionen, mit denen man seine überzeichneten Helden im Cartoon-Look individualisieren kann. Das ist weder sonderlich individuell noch innovativ. Man hechelt einfach nur dem nächsten großen Trend hinterher und versucht, mit dem großen Namen "Amazon" ein paar verirrte Gamer abzugreifen. Dabei sind Amazons Eigenproduktionen meist nicht mehr als seelenlose Klone bereits beliebter Titel und Genres, die nichts Eigenes haben, womit man Spieler länger binden könnte. Warum sollte ich beispielsweise einem unausgegorenen Crucible eine Chance geben, wenn Overwatch das Spielprinzip über Jahre hinweg perfektioniert hat?

Es gilt eben, so klischeebehaftet es auch klingen mag, der Grundsatz: Spieleentwicklung ist und bleibt ein kreativer Prozess. Es reicht nicht, einfach einen Haufen Kohle zu verblasen, ein paar große Namen der Branche anzuheuern und sie einen Erfolg nach Schema F basteln zu lassen. Studios sind keine Maschinen, die mit Scheinchen gefüttert werden und dann Gaming-Blockbuster ausspucken. Wie eine Band oder eine Theatergruppe ist auch ein Entwicklerteam ein eigener kleiner Mikrokosmos, der gepflegt werden muss. Es braucht eine gemeinsame Vision, ein kreatives Umfeld, Arbeitsmoral und Zusammenhalt, das Gefühl, dass man auf ein Ergebnis hinarbeitet, hinter dem man steht. So etwas stampft man nicht mal eben aus dem Boden, so etwas muss organisch wachsen. Oder wie es im englischen Guardian so schön hieß: "Mit Geld kann man zwar Kunst kaufen, sie lässt sich damit aber nicht einfach erschaffen."

Das wird irgendwann auch zu den Chefs bei Amazon Games durchdringen müssen. Denn auch, wenn die großen Tiere im Vorstand weiterhin Durchhaltevermögen beweisen und betonen, man wolle "Triple-A-Gaming nicht aufgegeben"; auch, wenn erst kürzlich ein neues Studios eröffnet wurde, in dem ehemalige Entwickler von Rainbow Six: Siege an einem neuen Online-Multiplayer arbeiten: Irgendwann hat alle Geduld mal ein Ende. Die Spieleentwicklung im Hause Amazon kostet Berichten zufolge 500 Millionen Dollar im Jahr. Das ist zwar nur in etwa so viel Geld, wie die Firma innerhalb eines halben Tages verdient, aber dennoch keine Summe, die man mal eben leichtfertig in den Äther schießt. Wenn nicht bald Ergebnisse geliefert werden, werden die hohen Tiere des Konzerns die Lust am Gaming verlieren und sich lieber anderen Projekten widmen. Das hat man zuletzt ja schon bei Google gesehen: Die stellten nach einem knappen Jahr die interne Entwicklung von Spielen ein, weil sich ihr Streaming-Service Stadia einfach nicht durchsetzen konnte. Gut möglich also, dass Amazon Games bald ein sehr ähnliches Schicksal ereilt.

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