Sexismus, Diskriminierung, Vergewaltigung: Wir müssen über Activision-Blizzard, Ubisoft und Co. reden

Kolumne Lukas Schmid
Sexismus, Diskriminierung, Vergewaltigung: Wir müssen über Activision-Blizzard, Ubisoft und Co. reden
Quelle: Jae C. Hong/AP

Der Skandalberg rund um Activision-Blizzard wächst, zuvor sorgte Ubisoft mit ähnlichen Vorfällen für Schlagzeilen. Es ist Zeit für einen drastischen Wandel. Ein Kommentar von Lukas Schmid.

Der Fisch fängt immer beim Kopf zu stinken an.

Ich will an dieser Stelle nicht die zahlreichen Vorwürfe gegenüber Activision-Blizzard ausbreiten. Die kann man in aller Ausführlichkeit hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier nachlesen. Es geht um sexuelle Belästigung, teilweise um Vergewaltigung, um Diskriminierung, um Mobbing, um alles, was schlecht ist. Eine Frau soll in den Selbstmord getrieben worden sein.

Und es ist nicht das erste Mal. Anderes Unternehmen, zum Teil Vorwürfe, die fast ganz genauso klingen wie bei Activision Blizzard: Ubisoft eröffnete den barbarischen Reigen des verachtenswerten Abschaumverhaltens vor einigen Monaten. Erst vor wenigen Tagen gab es wieder neue Entwicklungen inklusive einer Klage, und dann gleich noch einmal danach.

Vergiftete Systeme

Immer noch viel mehr überrascht als die Öffentlichkeit, die das alles mitbekommt und im ersten Affekt gar nicht glauben will, sind: die Vorgesetzten bei den Unternehmen. Bei Ubisoft. Bei Activision-Blizzard.

Es reiht sich Erklärung an Erklärung, Entschuldigung an Entschuldigung, Besserungsversprechen an Besserungsversprechen. Leute werden entlassen, teilweise solche, die sich wirklich Furchtbares zuschulden kommen haben lassen, teilweise wohl auch Strohmänner.

Der Fisch fängt immer beim Kopf zu stinken an.

Die Verantwortlichen

Niemand weiß, ob Bobby Kotick, ob Yves Guillemot, die Chefs von Activision-Blizzard und Ubisoft, über die Geschehnisse Bescheid wussten, die sich da unter ihrer Führung entsponnen. Das müssen die Gerichte klären. Beide Firmen werden in verschiedenen Ländern untersucht.
Aber: Diese Personen stehen ganz oben. Sie haben die Verantwortung. Im besten Fall waren sie, sind sie ignorant, naiv, haben nicht mitbekommen, was da passiert. Im schlimmsten Fall haben sie vertuscht und hingenommen, wenn nicht mehr.

Der Fisch fängt immer beim Kopf zu stinken an.

Sie haben zugelassen, dass die Firmen sich zu dem entwickelten, was sie sind. Orte, an denen Menschen Angst haben. Orte, an denen Diskriminierung, Sexismus, Rassismus und noch drastischeres sich ausbreiteten wie Geschwüre, die alles verschlingen und infizieren.

"Frat Boy Culture" wird das, was da herrschte und herrscht, nun von manchen Seiten genannt, etwa zu übersetzen als Burschenschaft-Kultur. Was für ein beschissener Begriff, auch wenn ich weiß, dass er natürlich auf den Verbindungscharakter abzielt und nicht auf das Wort "Boy". Aber das sind keine Jungs, das sind keine Verfehlungen, die man unter einem flotten Namen subsumieren kann. Das, was da vermeintlich passiert ist - es gilt natürlich die Unschuldsvermutung usw. usf. -, sind Verbrechen, verübt von Erwachsenen.

Aufbrechen verkrusteter Strukturen

Es wird weiter erklärt werden, es wird weiter entschuldigt werden. Es wird weitere Besserungsversprechen geben. Am Ende stehen da wohl Unternehmen, die von sich sagen "sehet her, wir sind geläutert!", und dann unverändert so weitermachen wie bisher, jetzt mit Schleifchen. Und diesmal vielleicht etwas diskreter.

Der Fisch fängt immer beim Kopf zu stinken an, und in beiden Firmen gibt es auch unterhalb der Haifische noch viele weitere, große Fische, und der Geruch unter der Oberfläche ist kaum zu ertragen. Und er bricht jetzt nach oben durch und trägt eine Seuche in sich.

Sollten sich die Anschuldigungen als richtig erweisen, dann hilft kein Klebestreifen am explodierenden Fischbecken. Dann muss abgerissen und neu aufgebaut werden. Werft mir vor, ich sei ein Social Justice Warrior oder was auch immer, ist mir gleich. Organisationen, Firmen, brauchen divers zusammengesetzte Führungsetagen, brauchen, Frauen, Männern, Menschen aus allen Ländern dieser Welt, aller sexuellen Ausrichtungen. Zu lange haben alte, weiße Männer patriarchalische Strukturen errichtet, in denen sie Legislative, Exekutive und Judikative waren und sich die Welt so machten, wie sie ihnen gefällt. Auswüchse wie die, die wir sehen, sind das Ergebnis.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Wir leben zum Glück in einer aufgeklärten Gesellschaft und Unter-den-Teppich-kehren und Mal-beide-Augen-Zukneifen, schlimmstenfalls erbost mit dem Finger zu wackeln, geht nicht mehr durch.

Ein gesamtgesellschaftliches Problem

Nein, all das ist kein Problem der Spieleindustrie. Dass es hier auch noch in vielen weiteren Unternehmen ähnlich zugehen dürfte, aber vor allem auch in anderen Industriezweigen genauso, ist offensichtlich. Activision-Blizzard und Ubisoft sind vermutlich nicht die große Ausnahme, so dramatisch diese Wahrheit auch ist.

Kaum eine Branche ist aber so mit Emotionen aufgeladen wie die Spieleindustrie. Wir schätzen, verehren einzelne Entwickler, hassen andere, weil sie ein Spiel verändert haben, und uns das Ergebnis nicht gefiel. Wir haben eine teilweise ungesunde Beziehung zu diesem Mikrokosmos, der doch nichts anders tut, als uns mit Spielen zum Zeitvertreib zu versorgen.

Wenn ein Ölkonzern, wenn ein Klamottenhersteller furchtbare Arbeitsbedingungen aufweist, zucken wir mit den Schultern, weil "das nun einmal unsere große, böse Welt" ist. Schlimm genug. Aber hier trifft es uns ins Mark, trifft es unsere kleine, gar nicht mal so heile Gaming-Welt, und wir merken: Das Böse kann überall wohnen. Und es ist überall stark und zerstörerisch und breitet sich aus, wenn ihm nicht Einhalt geboten wird.

Aber nicht trotzdem, sondern gerade deswegen dürfen wir das nicht hinnehmen. Wir dürfen nicht vergessen. Wir müssen uns stets selbst daran erinnern, was da passiert, und die Unternehmen daran erinnern, dass wir wissen, was bei ihnen passiert.

Der Fisch fängt beim Kopf zu stinken an. Es wird Zeit, das Wasser abzulassen, das Becken neu zu befüllen und andere Fische reinzusetzen.


Über den Autor

Lukas Schmid arbeitet seit 2010 in unterschiedlichen Funktionen bei Computec Media und damit bei PC Games, zuerst als Praktikant, anschließend als freier Mitarbeiter, dann als Volontär, Redakteur und inzwischen als Leitender Redakteur für pcgames.de, videogameszone.de, gamesaktuell.de und gamezone.de. Er liebt Action, Adventure, Action-Adventures, Shooter, Jump & Runs, Horror und Rollenspiele, mit Strategietiteln, den meisten Rogue-likes und Militärsimulationen kann man ihn jagen. Jeden Samstag um ca. 09:00 Uhr teilt er euch in seiner Kolumne mit, was ihn gerade wieder nervt oder freut. Hasskommentare und Liebesbriefe gerne in die Kommentare unter der Kolumne, an [email protected] oder auf Twitter an @Schmid_Luki.


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