Far Cry 2 im Test

Test Horst Heindl

Sechzig Minuten. So lange dauert es, bis klar ist, dass es sich bei Far Cry 2 um eines der ambitioniertesten Spiele der letzten Zeit handelt. In dieser ersten Stunde werden nicht nur die grundlegenden Gameplay-Elemente erklärt, sondern auch eine Stimmung erzeugt, wie es sie in Videospielen bislang nur selten gegeben hat. Aber der Reihe nach.
Die Lichteffekte sind atemberaubend und tragen enorm zur Atmosphäre bei. Quelle: Ubisoft Die Lichteffekte sind atemberaubend und tragen enorm zur Atmosphäre bei.
Furioser Auftakt

Zu Beginn des Spieles entscheidet ihr euch für einen von neun spielbaren Legionären, legt den stets wieder änderbaren Schwierigkeitsgrad fest und bekommt euren Auftrag: In einem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land sollt ihr einen Waffenhändler, der nur Schakal genannt wird, ausschalten. Dieser hält den blutigen Konflikt am Laufen, indem er die beiden konkurrierenden Rebellengruppen UFLL und APR gleichermaßen beliefert.

In der Hauptstadt herrscht Waffenstillstand. Ihr solltet tunlichst vermeiden, ihn zu brechen! In der Hauptstadt herrscht Waffenstillstand. Ihr solltet tunlichst vermeiden, ihn zu brechen! Was folgt, ist die schon erwähnte Kombination aus Intro und Tutorial, in welcher euer Vorhaben zunächst einmal gründlich schief geht. Nach einer Taxifahrt an Milizen und Straßensperren vorbei, einem Malaria-bedingten Ohnmachtsanfall und einem ersten ernüchternden Zusammentreffen mit dem Schakal, sind die Voraussetzungen klar.

Ihr befindet euch in einem nahezu völlig zerstörten Land und könnt niemandem trauen. Indem ihr Aufträge für die sich bekriegenden Gruppierungen annehmt, könnt ihr euch Diamanten (die einzig akzeptierte Währung im Land) dazuverdienen und euren Ruf steigern. Die Hoffnung, auf diese Weise an den Schakal heranzukommen, wird sich jedoch bald zerschlagen, denn die unvorhersehbaren Wendungen sind eine der großen Stärken der Story.
Per Scharfschützengewehr schaltet ihr Gegner aus sicherer Distanz aus. Per Scharfschützengewehr schaltet ihr Gegner aus sicherer Distanz aus.
Völlige Entscheidungsfreiheit

Ob ihr dem Haupthandlungsstrang folgt, bleibt euch überlassen, denn es gibt auch sonst massig zu tun. Ob ihr kleineren Waffenschiebern und diversen Kameraden helft oder euch als Kopfgeldjäger verdingt, liegt an euch. Und auch bei der Erfüllung der einzelnen Aufträge habt ihr fast immer die Wahl zwischen mehreren Vorgehensweisen. Entweder ihr schaltet eine Zielperson ganz elegant mit dem Scharfschützengewehr aus, schießt einfach alles nieder, was sich bewegt, oder deckt aus sicherer Entfernung das ganze Areal per Raketenwerfer mit Explosionen ein und hofft, dass es schon die Richtigen treffen wird.
In Far Cry 2 ist das Wort selten stärker als das Schwert bzw. die Machete. In Far Cry 2 ist das Wort selten stärker als das Schwert bzw. die Machete.
Draußen lauert der Feind

Es sind jedoch nicht nur die zahlreichen Missionen, die Far Cry 2 aus der Masse heben, sondern vor allem das Setting. Selten hat man eine derart atmosphärische, bis in die kleinsten Details stimmige Welt in einem Spiel vorgefunden. Die Licht- und Wettereffekte sind absolut realistisch und sowohl die flirrende Hitze der Wüstengebiete, als auch das feucht-schwüle Klima der Dschungelabschnitte sind fast spürbar.
Auch die Weitsicht ist beeindruckend. Auch die Weitsicht ist beeindruckend. Überall finden sich verlassene Wellblechhütten, ausgebrannte Autowracks und patroullierende Milizen. Dadurch werden die zahlreichen Fahrten von einem Ort zum anderen zu einer Herausforderung für sich. Das Repertoire an Fahrzeugen reicht von langsamen PKWs bis hin zu mit Maschinengewehren ausgestatteten Geländewagen, extrem schnellen Buggys und dem obligatorischen Far Cry-Flugdrachen.

Home Sweet Home

In den Safe Houses warten eure Kameraden auf euch. In den Safe Houses warten eure Kameraden auf euch. Schutz bieten euch nur die über die Spielwelt verteilten Safe Houses, die jedoch meist erst von bewaffnetem Gesindel befreit werden wollen. Hier könnt ihr schlafen und speichern und je nachdem, welche Zusatzmissionen ihr erfüllt habt, auch eure Buddys treffen, Munition auffrischen oder Spritzen finden, die sich eure Spielfigur bei gesunkener Lebensenergie auf Knopfdruck selbst injiziert. Wenn eure Gesundheitsleiste allerdings in den kritischen Bereich gefallen ist, hilft nur noch eine Not-Operation. Es kommen so drastische Maßnahmen zum Einsatz, wie sich selbst eine Kugel aus Arm oder Bein zu entfernen oder eine Schusswunde auszubrennen.
Dieser vertrauenswürdige Kerl verkauft euch Waffen und bittet auch gelegentlich darum, unliebsame Konkurrenten zu beseitigen. Dieser vertrauenswürdige Kerl verkauft euch Waffen und bittet auch gelegentlich darum, unliebsame Konkurrenten zu beseitigen.
Speichern könnt ihr mittlerweile übrigens auch nach Vollendung einer Mission. Das Frustpotential durch mangelnde Rücksetzpunkte ist also auf ein erträgliches Maß geschrumpft und bei Weitem nicht so hoch wie nach der Preview-Version befürchtet.
Licht und Schatten

Lange Zeit schien der Platin-Award eine sichere Sache, doch Far Cry 2 hat leider einige Macken, die nach längerer Spielzeit gewaltig zu nerven anfangen. Gelegentliche Pop-Ups bei Überlandfahrten und trotz allen Bekundungen Ubisofts auftretende Ladezeiten in der Außenwelt sind zwar unschön, aber kein Beinbruch. Viel mehr stören diverse Ungereimtheiten im Spielablauf, die vor allem deshalb so ärgerlich sind, da sie leicht vermieden hätten werden können. Einmal erledigte Milizen an Straßenwachposten tauchen immer wieder aufs Neue auf.
Mit dem Flammenwerfer heißt es vorsichtig sein! Schnell hat man aus Versehen einen Flächenbrand gelegt und steht mitten drin! Mit dem Flammenwerfer heißt es vorsichtig sein! Schnell hat man aus Versehen einen Flächenbrand gelegt und steht mitten drin!
So werden die zahlreichen Fahrten von A nach B nach kurzer Zeit zur lästigen und zeitraubenden Pflichtübung. Unerklärlich ist auch, wieso Gegner bis zu sechs MG-Treffer aus nächster Nähe verkraften, aber sofort tot umfallen, wenn man sie einmal mit dem Sniper-Rifle trifft. Leider ist auch das Zielen per Analog-Stick nicht völlig geglückt. Im Gegensatz zu Ego-Shootern wie z. B. Call of Duty 4, ist es bei Far Cry 2 nahezu unmöglich, gleichzeitig zu laufen und gezielt zu schießen (wobei die CPU-Gegner dies allerdings sehr wohl beherrschen). So beginnt man nach einer Weile, die recht unrealistische Taktik anzuwenden, auch im Nahkampf auf das Scharfschützengewehr zurückzugreifen.
Sich mit der Zange eine Kugel aus dem Unterarm zu ziehen lässt den Spieler hautnah mit dem Spielcharakter fühlen. Sich mit der Zange eine Kugel aus dem Unterarm zu ziehen lässt den Spieler hautnah mit dem Spielcharakter fühlen.
Beim Missionsdesign und der KI können wir größtenteils Entwarnung geben. Zwar sind sich die Auftragsziele hin und wieder ähnlich, richtig eintönig wird es aber nur, wenn ihr Medikamente gegen eure Malaria besorgen müsst. Hier kommt fast immer das "Bringe Objekt X zu Person Y"-Schema zum Einsatz. Die KI leistet sich in unserer Testversion kaum noch Aussetzer und die Gegner verhalten sich zum größten Teil sehr geschickt. Sie gehen in Deckung, kreisen euch ein oder fliehen, wenn sie sich unterlegen fühlen.

Schakal-Jagd

Ob ihr mit der Wumme im Anschlag freundlich anklopft oder aus sicherer Entfernung zuschlagt, liegt in eurem Ermessen. Ob ihr mit der Wumme im Anschlag freundlich anklopft oder aus sicherer Entfernung zuschlagt, liegt in eurem Ermessen. Zu guter Letzt noch ein paar Worte zur Story. Allzu viel wollen wir nicht verraten, aber es sei gesagt, dass Far Cry 2 eine der düstersten und erwachsensten Handlungen besitzt, die man aus Videospielen kennt. Sogar der Spieler wird mitunter gezwungen Entscheidungen zu treffen, die ihn vor moralische Konflikte stellen. Leider dauert es eine ganze Weile, bis die Geschichte richtig in Fahrt kommt, und die einzelnen Zusammenhänge sind oft reichlich wirr. Ein Spiel, in dem ihr allerdings aus Zeitmangel vor die Wahl gestellt werdet, entweder eure Kameraden, die in einer Bar warten oder Hilfsbedürftige in einer Kirche zu retten, hat man selten gesehen.

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