Nolans Odyssee wird von Altphilologin verhauen - das steckt dahinter

News Daniel Link
Nolans Odyssee wird von Altphilologin verhauen - das steckt dahinter
Quelle: Universal Pictures

Ausgerechnet Nolans größte Inspiration hasst den Odyssee-Film - wir erklären, was dahintersteckt.

Homers Odyssee wurde mittlerweile von zahlreichen Personen übersetzt, und für Christopher Nolans Filmversion orientierte sich der Regisseur explizit an der Übersetzung von Emily Wilson aus dem Jahre 2017. So erklärte der Filmemacher in einem Interview mit Empire Magazine, dass er etwa die erste Zeile ihrer Übersetzung als eine Art Leitfaden genutzt habe, um seinen Odysseus, gespielt von Matt Damon, zum Leben zu erwecken: "Tell me about a complicated man".

Man könnte glatt davon ausgehen, dass die Autorin das angesichts des enormen Erfolgs und der Beliebtheit von Nolans Film für eine richtige Ehre hält, Wilson selbst erklärte jedoch, sie würde sich "schämen", auch nur einen Teil dieses Drehbuchs geschrieben zu haben.

"Ein unkomplizierter Mann": Emily Wilson kritisiert Nolans modernen Odysseus

Wilson arbeitet als Professorin für klassische Philologie an der University of Pennsylvania und schrieb in der London Review of Books eine äußerst negative Kritik zu Nolans neuem Film. Ihr zufolge mangelt es Nolans Odyssee an "psychologischer, emotionaler, politischer und ethischer Tiefe"; zudem habe der Film insgesamt "nichts Überzeugendes zu sagen".

"Ich hatte gehofft, dass Nolans Affinität zu diesen homerischen Themen ihn zu neuen kreativen Höhen führen und es ihm ermöglichen würde, glaubwürdige Figuren zu erschaffen. Doch Die Odyssee zeichnet sich durch seine übliche Mischung aus Grandiosität und Oberflächlichkeit aus ... Die Vision des Films ist zu verworren, die Figuren zu unterentwickelt, um das einzulösen, was er in Bezug auf die großen Ideen halbwegs verspricht - obwohl er sehr gut darin ist, gewaltige Explosionen und riesige Giganten darzustellen."

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Weiter erklärt Wilson, dass Nolans Odyssee viele Elemente fehlen, die "das Gedicht so großartig machen":

"Es hat nichts Überzeugendes über Zeit, Erinnerung, Geschichte, Krieg oder über die Beziehung zwischen der glorreichen Rückkehr eines Kriegers und dem Leben seiner Familie, seiner Gegner, Kameraden, Freunde und Nachbarn zu sagen. Es fehlt ihm an psychologischer, emotionaler, politischer und ethischer Tiefe. Seine Erzählstruktur ist effekthascherisch. Der Schreibstil ist miserabel. Keine der Figuren hat eine überzeugende Motivation für ihre Handlungen oder Worte."

Das ist bereits eine ziemlich vernichtende Kritik, es wird aber sogar noch schlimmer:

"Es gibt keine Sexszenen und das Essen sieht durchweg furchtbar aus."

Egal, ob man Wilsons Kritik nun zustimmt oder nicht, dagegen lässt sich wohl wenig einwenden.

Neben der Kritik in der London Review of Books sprach Wilson auch noch an vielen anderen Stellen über ihre Probleme mit Nolans Odyssee. In einem Interview mit Sarah Ruhl, das für den Kanal des New Yorker Kulturzentrums 92NY geführt wurde, erklärte sie etwa, dass sich der Film eher für "Scham" interessiere, während Homers Odysseus nach Ruhm strebt. Nolan habe Odysseus schlicht in einen typisch amerikanischen Helden verwandelt, der zahlreichen anderen Figuren des Regisseurs ähnelt.

Auch Daniel Mendelsohn, dessen Übersetzung der Odyssee im Jahre 2025 veröffentlicht wurde, erkennt in Nolans Odysseus einen für den Regisseur typischen Helden, bewertet diese Neuinterpretation insgesamt jedoch deutlich positiver als Wilson. So schreibt er in der New York Review of Books:

"Dieser gequälte, von Schuld zerfressene Odysseus - beraubt jeglichen Humors, Witzes, Charmes und jeglicher Cleverness - ist eng verwandt mit Figuren wie Batman und Oppenheimer: Männern, die von ihrer Vergangenheit geplagt werden. Nolan hat Homers Helden nach seinem eigenen Ebenbild neu erschaffen."

Im Endeffekt lässt sich also sagen, dass Wilson nicht sonderlich begeistert davon ist, dass Nolans Odyssee stark von der Vorlage abweicht und sie quasi modernisiert, da Odysseus nun eine Figur ist, die ein schlechtes Gewissen hat und ihre Vergangenheit auf recht moderne Art und Weise verarbeitet.

Wilsons vernichtendes Urteil über Nolans Drehbuch lässt sich besser verstehen, wenn man ihren eigenen Umgang mit Homers Text betrachtet. Besonders deutlich wird ihr Ansatz im Vergleich mit George Chapmans einflussreicher, sprachlich stark ausgeschmückter Übersetzung, deren vollständige Ausgabe als erste englische Version des Werks 1614-15 erschien.

Auch Chapman veränderte mit seiner Übersetzung in Teilen die Darstellung der einzelnen Figuren, woran sich viele andere Autoren orientierten. Wilson stellt hier einen richtigen Ausnahmefall dar, da sie sich stärker an der Vorlage orientierte und natürlich auch kontemporäre Sprache verwendete. Wilson verzichtete zusätzlich auf viele sprachliche Ausschmückungen, die ältere englische Übersetzungen geprägt hatten.

Die erste Zeile des Gedichts, welche ihr oben bereits in Wilsons Version lesen konntet, lautet bei Chapman etwa:

"The man, O Muse, inform, that many a way/Wound with his wisdom to his wished stay."

Passend zu ihrer eigenen Übersetzung betitelte Wilson ihre Review zum Film übrigens "An Uncomplicated Man". In anderen englischen Übersetzungen wird Odysseus in der ersten Zeile oft als ein "ingenious hero" oder als ein Mann mit "twists and turns" bezeichnet. In deutschen Versionen liest man Dinge wie "vielgewandert" bei Voß und "vielgewandt" bei Schadewaldt und Hampe - in meiner Kopie von Die Odyssee, die von Steinmann übersetzt wurde, steht "wandlungsreich".

Wie man an ihrer Übersetzung erkennt, war der Philologin eine klare, direkte Sprache wichtig, was wohl erklärt, wieso Nolan ihre Fassung als Inspiration wählte. Zugleich passt Wilsons Kritik an der Grandiosität und Oberflächlichkeit des Films zu ihrem eigenen Interesse an sprachlicher Präzision und inhaltlicher Klarheit.

Trotzdem hatte sie nicht nur negative Dinge zum neuen Odyssee-Film zu sagen. So erklärte sie etwa in einem Interview mit der Sunday Times, dass die Veröffentlichung des Films ein Grund zum Feiern sei:

"Das Epos lockt das Publikum zurück in die Kinos ... Übersetzungen der Odyssee, darunter meine, werden massenhaft gekauft, und vielleicht wird der Film ja einige Hochschulverwalter davon überzeugen, ihre Fachbereiche für Literatur, Sprache und Geschichte nicht zu streichen."

Nolans Odyssee hat laut Wilson also durchaus positive Auswirkungen, auch wenn ihr der Film persönlich nicht sonderlich gefällt. Man sollte an der Stelle aber natürlich erwähnen, dass Wilson hier primär die textliche Ebene des Films kritisiert.

Warum diese News wichtig ist
  • Die scharfe Kritik der Übersetzerin Emily Wilson zeigt, wie stark Nolans Film Homers Odysseus neu interpretiert und welche inhaltlichen Verluste bei modernen Adaptionen entstehen können.
  • Für Kinobesucher und Literaturfans bietet die Debatte einen konkreten Vergleich zwischen Vorlage, Übersetzung und Film, statt die Adaption nur nach Inszenierung und Effekten zu bewerten.
  • Unabhängig von Wilsons Urteil steigert der kommerzielle Erfolg des Films das Interesse an Homers Epos und kann Übersetzungen sowie geisteswissenschaftlichen Fächern neue Aufmerksamkeit verschaffen.

Sowohl das Publikum als auch andere Kritiker teilen Wilsons Unzufriedenheit mit der Adaption nämlich kaum. Der Film erreicht bei Rotten Tomatoes einen Audience-Score von 97 Prozent und einen Kritiker-Score von 94 Prozent und ist auch finanziell ein voller Erfolg.

Nolan schafft es, in vielen Sequenzen ein wunderschönes Stimmungsbild zu schaffen, und die an Originalschauplätzen und mit zahlreichen praktischen Effekten gedrehten Sequenzen wirken besonders im Vergleich zu vielen stark digital nachbearbeiteten Blockbustern ziemlich atemberaubend, was das Publikum durchaus zu schätzen weiß.

Für die deutschsprachige Synchronisation des Films ist übrigens FFS Film- & Fernseh-Synchron in Berlin verantwortlich. Das Dialogbuch schrieb der Synchronautor Tobias Neumann. Neumann schrieb zuvor unter anderem die deutschen Dialogbücher zu Oppenheimer, Dune, John Wick: Kapitel 4 und Tenet. Für Letzteren wurde er im Jahre 2021 sogar für die Mitwirkung als Dialogbuchautor beim Deutschen Synchronpreis in der Kategorie Bestes Drama nominiert.

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