Willkommen in der schönen neuen Next-Gen-Welt!
Hier hat Altaïr mal kräftig auf den Putz gehauen.
Für den Barkeeper Desmond Miles muss es wie das Erwachen aus einem schlimmen Albtraum gewesen sein. Unscharf wirkende Frauen ohne Gesichter, die einen in weißer Robe gekleideten Mann bedrängen. Szenenwechsel. Ist das eine Straße? Alles wirkt verschwommen, als die Spielfigur von einer gesichtslosen Gestalt grundlos geschlagen wird. Stimmen. "Desmond! Haben sie keine Angst, Desmond." Der Beginn des heiß ersehnten Actiontitels Assassin's Creed hinterlässt - so viel sei verraten - so viele Fragen wie das offene Ende.
Nach dem Erwachen geben sich die Wissenschaftler Warren Vidic und Lucy Stillman wenigstens mehr oder weniger redefreudig. Die Maschine, der sogenannte Animus, in der der Protagonist erwacht, liest also Miles' genetische Erinnerungen - andere nennen es Instinkt - und projiziert diese direkt zurück in Desmonds Geist. Aha. Daher auch der Name der Maschine, Animus, das lateinische Wort für Geist. Sie sollten ein Faible für mysteriöse Geschichten mit Science-Fiction-Hintergrund haben, wenn Sie die in Miles' Genen gespeicherten Erlebnisse von dessen Vorfahr, dem Assassinen Altaïr, durchleben.
Doch keine Sorge, 90 Prozent der mindestens 20-stündigen Spielzeit bewegen, kämpfen und meucheln Sie sich vollkommen frei durch die mittelalterlichen Städte Akkon, Damaskus und Jerusalem, in deren belebten Straßen sich jede Menge Bürger, Soldaten und Bettler tummeln. Letztere sind sehr aufdringlich und folgen dem Spieler über viele Meter. Manche Soldaten sprechen Französisch. Atmosphäre pur. Die deutschen Sprecher machen ihre Arbeit übrigens sehr ordentlich, abgesehen von der amateurhaft klingenden Stimme eines Informanten.
Alle drei Städte bieten viele wunderschöne magische Momente, die sich in das Gedächtnis des Spielers einbrennen. Unvergessen bleibt der Panoramablick auf Damaskus, dessen von orientalischen Türmen dominierte Skyline sich aus der Ferne abzeichnet, nachdem der nichts ahnende Spieler eine Schlucht durchquert hat. Das ist jedoch gar nichts im Vergleich zu der berühmten Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Bis zum Fuß der goldenen Kuppel kann diese - wie fast alle Gebäude im Spiel - erklettert werden.
Getoppt wird das alles vom absoluten Höhepunkt des Spiels - im wahrsten Sinne des Wortes. Die erst Mitte des Spiels erreichbare Heilig-Kreuz-Kathedrale in Akkon ist derart riesig, dass man trotz der vertrauten Kletterkünste Altaïrs daran zweifelt, ob man diese tatsächlich besteigen kann. In der Tat gestaltet sich der Aufstieg auf das höchste im Spiel erklimmbare Bauwerk schwieriger als bei den übrigen Gebäuden. Doch es ist möglich und je höher man klettert, desto schneller schlägt das Herz in der Spielerbrust.
Wie ein Adler, der aus enormer Höhe sein Opfer erspäht, steht Altaïr nun auf dem Kreuz der Kathedrale. Die Weitsicht verleiht dem Spieler ein süchtig machendes Gefühl von Macht. Unglaublich, was die Entwickler da auf die Beine gestellt haben - und das nahezu ruckelfrei - auch wenn die Grafikpracht hier und da durch kleinere Pop-ups getrübt wird. Unglaublich sind auch die geschmeidigen Animationen der Spielfiguren. Kurzum, Altaïr beim Laufen, Klettern und Kämpfen zuzusehen, ist eine wahre Freude.
