Electronic Arts unter John Riccitiellos Führung: Drei Jahre schlechte Zahlen, trotz durchaus guter Spiele. Ein Rückblick.
Quelle: PC Games
John Riccitiello, seit April 2007 Geschäftsführer von Electronic Arts.
Haltet euren Zeigefinger in die linke obere Bildschirmecke. Ein bisschen Zittern, und jetzt: Langsam aber sicher von links oben nach rechts unten fahren. Ohne viel Aufwand habt ihr soeben den Aktienkurs von Electronic Arts (Dead Space, Mirror's Edge, FIFA 10) der vergangenen drei Jahre nachgezeichnet. 52 US-Dollar pro Aktie in 2007, weniger als 20 US-Dollar pro Aktie in 2010 - ein beachtlicher Verlust. Hinter der traurigen Linie guckt ein trauriges Gesicht, rechts sein Abbild. John Riccitiello hat allen Grund, die Schnute zu verziehen: Das Aktiendebakel steht stramm als Laster seiner Amtszeit von 2007 bis heute.
Angesichts der Prognose vom Dienstag, 9. Februar 2010, der Börsenwert des Unternehmens werde minimal um 0,05 US-Dollar bis 0,23 US-Dollar pro Aktie steigen, kräuseln sich die Geldgeber. "Null Glaubwürdigkeit gegenüber Investoren", unterstellt Wirtschaftsanalyst Michael Pachter dem EA-Boss nach drei Jahren Führungsriege am 15.Januar. Mitch Lasky, ehemals Mitglied der EA-Chefetage, schreibt auf seinem privaten Blog: "Electronic Arts befindet sich im falschen Business", John Riccitiello habe "11 Milliarden US-Dollar Marktwert aus dem Fenster geworfen." Nummer Drei im Bunde der Kritiker, Arvind Bhatia von der Investment-Firma Sterne, Agee & Leach, bezeichnet die aktuelle Lage als "absolut unakzeptabel für ein derart kräftiges Unternehmen". Allen gemein die logische Schlussfolgerung: In den kommenden Monaten muss etwas passieren, seien es ein "Wechsel der Unternehmens-Führung", "drastische Kosten-Kürzungen" oder gar eine Akquisition, von oder durch Electronic Arts.
Für den EA-kritischen Spieler zeichnet sich derweil ein anderes Bild, ein buntes, mutiges Bild: Die Summe der Neu-Entwicklungen - interessante Projekten fernab von FIFA, NHL und Need for Speed - nimmt seit 2007 kontinuierlich zu. Crysis, Mass Effect, Skate und Rock Band erschienen binnen der ersten 12 Monate von Riccitiellos Amtszeit, 2008 folgten Mirror's Edge, Dead Space, Battlefield Heroes, Face Braker (Xbox 360), Spore und ein hierzulande indizierter Koop-Shooter für Xbox 360. "Wir langweilen die Menschen zu Tode", kritisierte Riccitiello die eigene Unternehmens-Politik im Juli 2007, nur wenige Monate nach seiner Einstellung als Geschäftsführer. "Es gibt zu viele Spiele, die aussehen wie Spiele aus dem letzten Jahr, die damals schon aussahen wie Spiele aus dem Jahr davor". Obgleich sich die Innovation nur langsam durchs EA-Portfolio schleicht, schleicht sie sich doch sicher. 2009 gehört mit Battleforge, Saboteur, Dragon Age: Origins und Brütal Legend (Xbox 360) ebenfalls zur positiven Beweislast.
Quelle: PC Games
Mirror's Edge von Electronic Arts und DICE.
Haken: Der gesunde Mix aus Neu-Entwicklungen und Nachfolge-Produkten macht sich fast ausschließlich in ungesunden Quartals- und Jahresergebnissen bemerkbar. Verzeichnete Electronic Arts im Fiskaljahr 2007 (1. April 2006 bis 31. März 2007) ein Netto-Einkommen von 76 Millionen US-Dollar, lag das Jahresergebnis von 2008 bei minus 454 Millionen US-Dollar. Im Fiskaljahr 2009 musste EA gar herbe Netto-Verluste in Höhe von 1,08 Milliarden US-Dollar kompensieren. Die logische Konsequenz führte Electronic Arts schnurstracks zurück in die Kritik. Ende 2008 räumten 600 Mitarbeiter ihre Schreibtische, im Februar 2010 folgten 1100 zusätzliche Entlassungen. Indes watschelte der Aktienkurs ohne Pause in den Keller.
Es mag auch an den Verkaufszahlen der neuen, mutigen Produkte liegen. Während Die Sims, Need for Speed und Bioware-Spiele grundsätzlich als sichere Wette einzustufen sind, kämpfen Mirror's Edge, Dead Space und Saboteur um wichtige Marktanteile. Der Verkaufsstart von Mirror's Edge? Ein Desaster: 90.000 Einheiten, weltweit, in der ersten Verkaufs-Woche (Konsolen-Versionen). Mittlerweile knackte Mirror's Edge die Millionen-Marke - ein langer, spannender Prozess, der sich über Monate hinweg zog. Zum Budget-Preis war das Runner-Abenteuer vergleichsweise früh erhältlich.
Erschreckend ist auch, dass sich scheinbar lohnende Investitionen kaum auszahlten. 810 Millionen US-Dollar investierte Electronic Arts in die Übernahme von Bioware (Baldur's Gate-Serie, Dragon Age: Origins) und Pendemic (Mercenaries 2: World in Flames, Saboteur) im Oktober 2007 - unter anderem ein Grund für die herben Netto-Verluste im Geschäftsjahr 2007 / 2008. Trotz zufriedenstellender Verkaufszahlen von Mass Effect (PC-Version, die Xbox 360-Version kam über Microsoft), vermochte EA die Jahresverluste nicht zu kompensieren.
Quelle: finanzen.net
EA-Aktienkurs der vergangenen drei Jahre in Euro (Grafik von finanzen.net)
Ende 2009 dann der Pandemic-GAU: Electronic Arts schloss das Entwickler-Studio knapp zwei Jahr nach der Inbesitznahme. Brisant: Laut Dokumenten der United States Securities and Exchange Commission (US-amerikanische Börsenaufsichtsbehörde), machte John Riccitiello durch Kauf und Schließung von Pandemic rund 4,9 Millionen US-Dollar Privatgewinn. Die VG Holding Corp., ehemaliger Eigentümer von Bioware und Pandemic, unterliegt dem Kapitalunternehmen Elevation Partners. Und das wiederrum gehört in Teilen John Riccitiello. Die großen Verlierer der Bioware / Pandemic-Übernahme? Die Aktionäre von Electronic Arts.
"Null Glaubwürdigkeit gegenüber Investoren", sagt Michael Pachter. Wenn sich nicht bald etwas ändert, prognostiziert der Wirtschaftsanalyst, muss sich EA-Boss Riccitiello in naher Zukunft einen neuen Job suchen. Das Fazit nach drei Jahren Amtszeit: Der Ruf, er bröckelt - der gute aus Investoren-Sicht, der schlechte aus Spieler-Sicht. Scheinbar schafft es Riccitiello nicht, seinen wichtigsten Kunden gleichermaßen gerecht zu werden.
Sagt uns eure Meinung: Wie beurteilt ihr die Entwicklung von Electronic Arts in den vergangenen drei Jahren?
