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  • Vorbestellungen machen Videospiele kaputt: Einmal heiße Luft, bitte! (Kolumne)
    Quelle: PC Games

    Kolumne zum Vorbesteller-Hype von Industrie und Spielern: So machen wir unser Lieblings-Hobby kaputt

    Das Prinzip Vorabkauf: Wie Aktionäre, Publisher und Vorbesteller Stück für Stück unser Lieblingshobby zerstören. Redakteur Peter Bathge mit einer nachdenklichen Kolumne über den Drang vorzubestellen und die seltsamen Blüten, die das Geschäft mit im Vorfeld verkauften Spielen, Betas & Pre-Order-DLCs treibt.

    "Pre-order now"

    Der Schiftzug glimmt am Ende vieler erster Trailer zu einem x-beliebigen Videospiel auf. Ist es ein Vorschlag? Eine Aufforderung? Oder gar ein Befehl? Vorbestellen ist "in", längst nicht mehr nur in der Spielebranche ("Das neue iPhone 7? Vorbestellt."), aber vor allem in dieser: FIFA 17? Vorbestellt. Battefield 1? Ebenfalls. Call of Duty: Infinite Warfare? Ihr wisst schon.

    Kaufen! Jetzt! Vor Release!

          

    Längst steht der Stichpunkt "Vorbesteller-Kampagne" bei jeder Marketing-Abteilung großer wie kleiner Hersteller auf dem Aufgabenzettel, längst müssen Pre-Order-Boni & Co. geklärt sein, bevor das neue AAA-Spiel überhaupt angekündigt wird. Dieser Wahn, sich möglichst früh die Vorbestellungen loyaler Fans zu sichern, treibt stellenweise seltsame Blüten.

    Selbst wenn außer dem Namen eines Spiels, außer seiner bloßen Existenz noch gar nichts bekannt ist, haben die Vorbesteller-Geschäfte bereits geöffnet, werden Bestellungen schon entgegen genommen. Es gibt noch keinen Screenshots, keine offiziellen Infos, erst recht keine bewegten Gameplay-Szenen. Und trotzdem wird mir angeboten - nein, ich werde dazu aufgefordert - schon jetzt 60 Euro vorzuschießen und das Spiel zu kaufen. So wie damals bei Call of Duty: Ghosts.

    Vermeintliche Vorteile wie Pre-Load (den es ohnehin nicht bei allen Spielen gibt) sollen mir das Angebot schmackhaft machen - im Gegenzug lasse ich mich als Käufer entmündigen, verzichte darauf, zum Release Tests und User-Erfahrungen zu studieren, mir die Kaufentscheidung zu überlegen. Nur damit ich es am selben Tag erhalte, wenn es auch im Laden steht oder ich es ohne Verzögerung per Online-Keyhändler erwerben kann.

    Gründe für den Vorbesteller-Boom

          

    Der neueste Vorbesteller-Trend: Aus unterschiedlichen Packs wählen für das vermeintlich beste Spielerlebnis. Der neueste Vorbesteller-Trend: Aus unterschiedlichen Packs wählen für das vermeintlich beste Spielerlebnis. Quelle: Videogamer.com Woher kommt dieser Drang, mich als Vorbesteller zu gewinnen? Die Antwort ist simpel: Für Publisher wie Electronic Arts, Ubisoft, Activision, 2K Games, Square Enix, Konami, Capcom und und und sind Vorbesteller Kühe, die sich selber melken. Denn wer das Angebot annimmt und sich im Vorfeld bereits ein Exemplar eines Spiels reservieren lässt, um den braucht sich der Hersteller anschließend nicht mehr sorgen, den braucht er nicht mehr von dessen Qualität zu überzeugen. Egal, wie gut oder schlecht das Spiel wird, ein paar Tausend, Zehntausend, Hunderttausend oder - im Fall von massiv beworbenen Spielen wie Battlefield 1, Call of Duty: Infinite Warfare oder Watch Dogs 2 - Millionen Kunden greifen auf jeden Fall zu. Sie haben ja schließlich vorbestellt.

    Die Frage nach dem Warum wirkt angesichts dieser Zahlen im ersten Moment naiv. Die Firmen, die unser aller Lieblings-Hobby mit neuen Spielen versorgen, wollen Geld verdienen. Natürlich. Doch hinter dem Pre-Order-Hype steckt mehr, denn bei den leidenschaftlichsten Vorbesteller-Verfechtern handelt es sich um börsennotierte Unternehmen. Die sind nicht nur ihren Angestellten verpflichtet, sondern vor allem ihren Aktionären. Anleger wollen Renditen und Ausschüttungen sehen, wollen berechenbares Wachstum. Vorbestellerzahlen sind ein exzellentes Mittel, um im Quartalsbericht gut dazustehen: Sie geben einen Fingerzeig auf den anstehenden Erfolg und beruhigen nervöse Anleger.

    Aktuelles aus der Battlefield-Reihe: Battlefield 1

    Kurzfristige Nachteile ergeben sich aus dieser Strategie erstmal keine, im Gegenteil. Das Spiel bekommt bei Erscheinen schlechte Presse, User-Bewertungen im Internet fallen vernichtend aus? Egal, ein Teil der Kundschaft hat das Spiel ja schon blind gekauft, dem Hype sei dank! Rückgaberechte wie das von Steam, Origin oder GOG.com helfen in einem solchen Fall zwar, doch oft bleiben enttäuschte Spieler auf dem frühzeitig gekauften Titel sitzen und sind gefrustet. Ironie des Schicksals: Bei jenen Menschen handelt es sich dem Gefühl nach häufig um genau jene, die sich zuvor durch extreme Begeisterungsfähigkeit ausgezeichnet und nach der Ankündigung "ihres" Spiel gleich zuschlagen haben. Schnell noch einen "Ist schon vorbestellt!"-Kommentar verfassen und der Hersteller ist um einen Blindkauf reicher. Ein Lerneffekt bleibt auch nach einer Wiederholung der Prozedur aus.

    Oder? Ich wollte es genau wissen und fragte im PC Games Podcast, warum ihr vorbestellt.

    Vorbestellungen: Das sagen die Leser

          

    In der Diskussion im Forum und bei Youtube kristallisierten sich schnell drei zentrale Punkte heraus:

    1. Vorbestellungen sind auch bei unseren Lesern beliebt.
    2. Nicht jedes Spiel, für das sich die Menschen interessieren, wird vorbestellt.
    3. Jeder Spieler hat bestimmte Serien und Entwickler, denen er vertraut und bei denen er eher bereit ist, vorzubestellen..

    Unser Foren-User heinz-otto gibt zwar zu: "Die Gefahr einer Enttäuschung ist groß." Allerdings: "Es gibt jedoch berechtigte Ausnahmen. Bei mir sind das Fälle, bei denen man z.B. über eure Berichterstattung oder einfach aus eigener Erfahrung viel über Entwickler weiß und diese damit einfach unterstützen will. [So] habe ich z.B. The Witcher 3 und den Season Pass bei GOG vorbestellt. CD Projekt ist einfach ein sympathischer und fähiger Entwickler. Außerdem unterstützt man GOG als DRM-freie Plattform und trägt seinen Teil dazu bei, die Raubkopien-Vorurteile bzw. -Vorverurteilung abzubauen."

    Alexander-Nikopol ergänzt: "Als Fan der Serie hatte ich Witcher 3 Monate vorbestellt, tatsächlich aus der Motivation, dass ich dadurch meiner Vorfreude Ausdruck verleihen konnte. Gleichzeitig hatte ich genug Vertrauen in CD Projekt Red, dass ich nicht geglaubt habe, dass sie etwas Schlechtes abliefern." Eine Vorbestellung als Belohnung für Entwickler, die in der Vergangenheit gute Spiele abgeliefert haben - das ist ein Konzept, mit dem sich auch User Ivoorik arrangieren kann: "Magicka 2 hab ich vorbestellt. Einfach weil ich Magicka 1 super fand und mich der Publisher bisher nicht enttäuscht hat. Unter diesem Aspekt macht das Vorbestellen für mich Sinn. Wenn ich eine Marke/einen Publisher nicht kenne, schieße ich auch kein Geld vor." HalloMolli erklärt in den Youtube-Kommentaren: "Mitunter möchte man dem Publisher/Entwickler manchmal direkt zu verstehen geben, dass die Nachfrage nach seinem Produkt gegeben ist."
    Wer in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit einem Studio gemacht hat, bestellt auch dessen neue Spiele gerne blind vor. Wer in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit einem Studio gemacht hat, bestellt auch dessen neue Spiele gerne blind vor. Quelle: CD Projekt
    The Witcher 3 ist ein häufig genanntes Beispiel für eine Vorbestellung, bei der die Leser anschließend nicht enttäuscht waren. Eine Woche vor dem Release im Mai 2015 verkündete Entwickler CD Projekt, dass man eine Million Vorbestellungen verzeichnet habe. Warum die Bereitschaft, vorab Geld hinzulegen, derart verbreitet war, erklärt sich heinz-otto so: "Die Wahrscheinlichkeit, dass da etwas total schief geht, war nicht zu groß. Und selbst wenn es schief gegangen wäre, hätte man ziemlich sicher sein können, dass sie noch per Patches einiges nachbessern. Zumindest bei Witcher 1 war das schon so."

    Einen solchen Vertrauensvorschuss gewährt heinz-otto auch einem anderen Entwickler - weil er in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit diesem Studio gemacht hat. "Auch bei Wadjet Eye Games, einem kleinen Adventure-Studio von Dave und Janet Gilbert, vertraue ich mittlerweile fast blind seit ich die Blackwell-Serie gespielt habe. [...] Hier weiß man 100%ig, dass man ein Oldschool Point&Click Adventure mit liebevoller Vertonung bekommt. Auch hier spielt bei mir die Überlegung mit, dass man die Entwickler unterstützten will."

    Doch nicht nur sympathische Studios setzen auf diese Markentreue. Die riesige Fangemeinde eines sogenannten Franchises erfolgreich für Vorbestellungen des neuesten Seriensprosses zu mobilisieren, ist wohl der feuchte Traum vieler Marketing-Manager. Und es funktioniert immer wieder, zuletzt etwa bei der Playstation 4 Pro. Sonys 4K-Konsole, bei der 4K meistens nur vorgetäuscht wird, ist bereits jetzt ein Erfolg, Monate vor der Veröffentlichung. Warum? Weil die Vorbesteller-Zahlen durch die Decke gehen - trotz viel berechtigter Kritik am neuen Modell.

    Mit immer krasseren Vorbesteller-Kampagnen testen Publisher, wie weit sie gehen können. Nur manchmal regt sich massiver Widerstand wie bei Deus Ex: Mankind Divided. Mit immer krasseren Vorbesteller-Kampagnen testen Publisher, wie weit sie gehen können. Nur manchmal regt sich massiver Widerstand wie bei Deus Ex: Mankind Divided. Quelle: Square Enix Reizen Vorbesteller-Boni wie exklusive DLCs oder Ingame-Items die User? SmokeOnFire gibt zu: "Oft gibt es irgendeinen Anreiz wie einen Headstart oder ein paar kleine Items, die für mich dann noch einen gewissen Nutzen haben." Als Vorbesteller von Online-Shootern ("Battlefield 4, Star Wars Battlefront, Overwatch und demnächst Battlefield 1") und MMORPGs ("Aion, Tera") geht es ihm jedoch vor allem darum, von Anfang an dabei zu sein und nicht den Anschluss an den Rest der Multiplayer-Community zu verlieren: "Ich möchte dann gerne ab dem ersten Tag dabei sein, insbesondere Headstart ist daher für mich ein Anreiz zur Vorbestellung. Irgendwelche XP Booster und sonstige Beschleuniger sind auch willkommen." Dabei schränkt er ein: "Kosmetik ist mir eher egal. Waffen, die man auch so freischaltet, sind auch kein Anreiz."

    Auch bei Singleplayer-Spieler erliegt so mancher der Verlockung von Pre-Order-Inhalten. Alexander-Nikopol: "[Ich] habe Deus Ex: Mankind Divided zwei Tage vor Release gekauft. Hier vor allem, weil [ich] die zusätzlichen Inhalte der Vorbesteller-Edition haben wollte. Mir war schon klar, dass die eigentlich nur schmückendes Beiwerk sind, aber bei DX: Human Revolution gab es ja auch die Tracer-Tong-Extra-Mission. Hier kam einfach der 'Ich will alles komplett haben'-Reiz durch." Hallo Molli bestätigt: "Von der Hand zu weisen ist es freilich nicht, dass natürlich nicht zuletzt diese sogenannten Vorbestellerboni bzw. 'Perks' ihren Teil dazu beitragen."

    Gab es denn auch negative Erfahrungen mit Vorbestellungen? SmokeOnFire berichtet: "Enttäuscht war ich so ein bisschen von Star Wars Battlefront, da war mir zu schnell die Luft raus und so einige Dinge im Spiel wie doofe Spawnpunkte." Der Ärger hielt sich in Grenzen: "Trotzdem habe ich da so um die 50 - 100 Stunden gespielt, alle Waffen und einen teuren Skin freigeschaltet. Also es ist für mich ok gewesen, für mein Geld hatte ich so 2-3 Monate was zum Spielen." Der User Random Sushi hat aus solchen Erfahrungen Schlüsse gezogen und für sich eine strikte "Erst selber spielen"-Politik bei Vorbestellungen eingeführt: "Also ich bestelle Games nur vor, wenn ich zuvor die Möglichkeit hatte es zu testen (Beta) wie Payday 2. Ich bin auch selber vor ein paar Jahren mit einer Vorbestellung ziemlich unsanft gelandet, seitdem bestelle ich nur vor, wenn ich die Chance gehabt hatte, es selber vorab spielen zu können."
    Season Pässe werden gleich mit der Vorbestellung des Hauptspiels verkauft - auch wenn noch niemand die genauen Inhalte kennt, teilweise noch nicht einmal der Hersteller. Season Pässe werden gleich mit der Vorbestellung des Hauptspiels verkauft - auch wenn noch niemand die genauen Inhalte kennt, teilweise noch nicht einmal der Hersteller. Quelle: Ubisoft Dieser Praxis folgt auch SmokeOnFire: "Ich bestelle nicht vor, wenn ich nicht angespielt habe. Es gab nur mal vor vielen Jahren ein MMORPG, ich glaube Aion, das ich ohne Anspielen bestellt hatte, um damit auch in die Closed Beta rein zu kommen. Da zogen damals mehrere Freunde von mir mit hin und letztendlich hats auch gut geklappt, ich war nicht enttäuscht. Würde heute aber immer die Open Beta abwarten. [...] Für mich funktioniert die Formel gut: Open Beta probieren + Headstart + Preload = Vorbestellen ok für mich, wenn die Beta Spaß gemacht hat. Vorher schaue ich oft Berichte und Einschätzungen auf Youtube und runde mein Bild so ab."

    Auch mit Blick auf den Hype um No Man's Sky eine gute Strategie. Bei Hello Games' Erkundungsspiel gab es jedoch vor Release keine Anspielmöglichkeit, etliche Spieler bestellten vor und ärgerten sich anschließend über fehlende Features. Youtube-Kommentator TNM 001 sieht die Werbung im Vorfeld kritisch und will auch nicht das Argument gelten lassen, dass Vorbesteller "selbst schuld" sind: "In diesem Fall wurde doch klar gelogen, ergo ist Hello Games schuld. Begibt man sich erstmal auf den Pfad von 'ja selbst schuld', dann ist alles erlaubt, dann geht es irgendwann nur noch darum wer besser betrügt, wer darauf reinfällt ist 'selbst schuld'. Werbung von heute schrammt eh schon zu nah an dieser Grenze, oder warum machen wir uns alle lustig über Werbung? Wir sind zynisch geworden, weil man Lügen erwartet, aber das legitimiert die Lügen doch nicht."

    Der Spieler als zahlender Beta-Tester

          

    Hersteller überbieten sich beim Ausdenken von Vorbesteller-Boni, die bei genauerer Betrachtung vor allem eines sind: belanglos. Hersteller überbieten sich beim Ausdenken von Vorbesteller-Boni, die bei genauerer Betrachtung vor allem eines sind: belanglos. Quelle: Bethesda Softworks / id Software Bei den großen Spieleherstellern gibt es vermutlich ganze Abteilungen, die sich damit beschäftigen, neue Anreize für Vorbesteller zu schaffen, um an deren Knete heranzukommen, dieses leichtverdiente Geld. Verfügt das beworbene Spiel über einen Multiplayer-Modus, verfallen immer mehr Publisher auf eine besonders teuflische List: Sie lassen die Spieler für das Privileg zahlen, ihr Produkt zu testen. Demos sind im AAA-Spielesektor mittlerweile so selten wie Känguru-Sichtungen in Tibet, besonders auf dem PC (die FIFA 17-Demo ausgenommen). An ihre Stelle ist die Beta gerückt: Ursprünglich war diese zumeist interne Testphase mal dazu gedacht, dass die Entwickler ihr Spiel auf Bugs untersuchten. Mit der Zeit erhielt auch Otto-Normalspieler Zugang: Anmelden, Formular ausfüllen, fertig.

    Im Jahr 2016 sind wir Spieler aber mittlerweile so verblödet, dass wir doch tatsächlich ein Spiel auf gut Glück vorbestellen, nur um (zeitexklusiven) Zugang zur Beta zu erhalten - wir zahlen für etwas, für das die Hersteller üblicherweise bezahlte Tester anheuern. Gut: In letzter Zeit wieder öfter offene Betaphasen, an denen alle Spieler kostenlos teilnehmen dürfen - siehe Battlefield 1. Schlecht: Inzwischen wird stellenweise schon der Alpha-Zugang als Vorbesteller-Bonus begriffen.

    Mit ein wenig Fantasie lassen sich Parallelen zum Early-Access-Programm von Steam und GOG.com ziehen. Entwickler verkaufen vorab Zugang zu Alpha-Versionen und geben keinerlei Garantien ab, dass am Ende ein fertiges Produkt herauskommt? Das klingt wie eine Evolution der Vorbesteller-Taktik. Klar hat die Vergangenheit gezeigt, dass einige Indie-Entwickler durch diesen Prozess und die im Vorfeld eingenommene Finanzspritze sehr gute, vollwertige und von Bugs bereinigte Spiele abliefern können - es gibt aber auch bis heute etliche unvollendete Spiele, bei denen Spieler mit dem Versprechen auf Updates in der Zukunft für ein unvollständiges Spiel zur Kasse gebeten wurden. Stichwort: DayZ. Wo ist da der große Unterschied zu einem Spiel wie No Man's Sky, das den Vollpreis kostet, dem aber etliche versprochene Features fehlen? Liegt er nur in der Early-Access-Bezeichnung?

    Pre-Order-DLCs & Season Pass

          

    Ein weiteres beliebtes Mittel, um Vorbestellungen zu forcieren sind exklusive DLCs sowie das Versprechen auf Season Pässe. "Gebt uns euer Geld Wochen oder gar Monate, bevor ihr irgendeine Gegenleistung dafür von uns erhaltet", sagen die Publisher. Nur, damit die treudoofen Kunden am Ende einen Download-Inhalt erhalten, der entweder wirkt wie eigens zu diesem Zweck aus dem eigentlichen Spiel entfernt (Mass Effect 3: der Protheaner-DLC From Ashes) oder mit übermächtigen Belohnungen (Ich erinnere an die Vorbesteller-Knarren in Dead Space 3!) die Spielbalance kaputt macht, also gar mehr Schaden anrichtet als Spaß macht.

    Wer nachgibt und vorbestellt, ist nämlich nicht immer bevorteilt. So kann ein Pre-Order-Goodie das Spielerlebnis nicht nur zu leicht, sondern es gleich ganz kaputt machen. Von Gier zeugt derweil die Praxis, Vorbesteller-Boni mit ursprünglich permanenten Verbesserungen nachträglich zu einmalig benutzbaren Ingame-Gegenständen zu machen - und obendrein auch noch einen Ingame-Shop für mehr solcher kostenpflichtiger Einmal-Upgrades ins Spiel zu packen. Siehe Deus Ex: Mankind Divided. Kaum ein Bereich der Videospiel-Branche scheint derart anfällig für Manipulation und halbseidene Aktionen zu sein wie die Vorbesteller-Praxis.

    33:30
    Vorbestellungs-Wahnsinn: Was sind die Probleme von PreOrder-Programmen - Video-Diskussion

    Wer profitiert von derart lustlosen, unnützen oder überflüssigen DLCs? Die großen US-amerikanischen Handelsketten natürlich, Gamestop, Walmart und wie sie alle heißen. Die haben in den USA nämlich immer noch jede Menge Einfluss auf die Spieleindustrie, digitaler Vertrieb hin oder her. Denn dort sorgen Konsolenspiele für den großen Reibach der Läden. Anders als PC-Titel werden die Spiele für Playstation 4 und Xbox One eben immer noch hauptsächlich in der Box verkauft. Warum sonst gibt es bei vielen Spielen für jeden Laden einen anderen, exklusiven Vorbesteller DLC? Damit beschwichtigen die Spielehersteller die Retail-Ketten, die ansonsten damit drohen, den Regalplatz für Spiele anderer Firmen zu reservieren - ein potenzielles Desaster für die Publisher. Wer hat darunter zu leiden? Wir Spieler natürlich, indem wir wie etwa im Falle der Assassin's Creed-Reihe garantiert nie das volle Spielepaket mit allen Inhalten bekommen, egal wo wir ein Spiel kaufen oder vorbestellen.

    Zu Lego Der Hobbit erschienen mehrere Item-Packs - aber der von Anfang an versprochene Story-DLC wurde 'vergessen'. Zu Lego Der Hobbit erschienen mehrere Item-Packs - aber der von Anfang an versprochene Story-DLC wurde "vergessen". Quelle: Warner Der bereits vor Release mit zur Spiel-Vorbestellung verkaufte Season Pass (siehe das große DLC-Special von PC Games) ist der Gipfel der Dreistigkeit. Denn damit gestehen die Hersteller von Beginn an ein: "Unser Spiel wird bei Release nicht komplett sein. Da kommt noch was. Wir haben nämlich Ressourcen von der Entwicklung abgezweigt, um weitere Inhalte zu entwickeln - egal ob die nun zum Hauptspiel passen oder nicht." Beim Vorabkauf einer solchen DLC-Saison (inklusive Spielpreis für schlappe 80 bis 120 Euro!) geht jede Berechenbarkeit flöten, als Käufer ist man dem Hersteller schutzlos ausgeliefert. Garantien gibt es keine, stattdessen bezahlt man in der Hoffnung, es werde schon etwas Vernünftiges bei den DLC-Bemühungen der Macher herumkommen - eine Hoffnung, die sich bei weitem nicht immer erfüllt! Das Action-Adventure Lego Der Hobbit erzählte etwa die ersten beiden Teile der Filmtrilogie nach. Warner Bros. Interactive versprach einen DLC zum Abschluss der Saga nach dem Kinostart von Die Schlacht der Fünf Heere. Veröffentlicht wurde er nie.

    Mit Blick auf die besonders bei Multiplayer-Shootern sehr beliebten Premium-Angebote meint PC Games-Leser SmokeOnFire: "Ich kaufe nie Deluxe Editions oder Season Passes im Voraus. Zum Glück, da wär ich bei Battlefront auf die Nase gefallen. Ich war da raus bevor der erste DLC kam. Die paar Euro die man spart, sind es nicht wert. Da warte ich lieber, was wirklich drin ist im Paket und ob ich überhaupt noch spiele. Für mich folgte dann Division, jetzt Overwatch, bald wohl Battlefield 1. Was würde ich da jetzt mit einem SW Battlefront oder Division Season Pass machen?"

    05:35
    The Division: Sechs Monate später - Video-Rück- und -Ausblick
    Spielecover zu The Division
    The Division

    Traumfabrik Videospielindustrie

          

    Warum meckern tagtäglich so viele Spielefans über schlechte Spiele, geldgierige Hersteller und angeblich korrupte Medien, nur um bei der nächsten Ankündigung eines Spiels dann doch wieder unter plötzlichem Gehirnsturz zu leiden und bedenkenlos auf den Vorbestellen-Knopf zu drücken? Ist es so schwer, auf Tests und Erfahrungsberichte zu einem Spiel zu warten, bevor man dem Hersteller das Geld blind in den Rachen wirft? Bitte, schreibt mir, warum es so toll und wichtig und ganz normal ist, Spiele vorzubestellen. Ich sehe darin keinen Vorteil für den Spieler - aber jede Menge positive Effekte für die Industrie.

    Erklären kann ich mir den Hang zur Vorbestellung (abgesehen von den weiter oben erwähnten Leser-Beispielen) nur so: Videospieler träumen gerne. Die Spieleindustrie hat - mit Unterstützung der Presse - Jahrzehnte damit zugebracht, den Blick der Spieler auf die Zukunft zu richten. Vorfreude, Hype sind wichtige Schlagworte. Wir sind besessen von dem, was hinter dem Horizont liegt, was wohl auch unserer natürlichen Neugierde als Mensch geschuldet ist. Die Vorstellung vom versprochenen Spiel bringt unser Blut in Wallung. Der nächste Kino-Blockbuster, das jüngste Technik-Gadget - wir sind gespannt auf das Neue, wollen zu den Ersten gehören, die es sehen, spielen, erleben.

    Wer vorbestellt, der kauft, so könnte man denken, kein Spiel. Er kauft ein Versprechen. Ein Versprechen, dass das Spiel gut wird. Dass es funktioniert. Dass man Spaß damit hat. Dass es die Erwartungen nicht enttäuscht, die beginnend mit dem Klick auf den Pre-Order-Button zu wachsen begonnen haben. Doch dieses Versprechen kann unseren Vorstellungen nur im Ausnahmefall gerecht werden. Denn Spiele ändern sich während der Entwicklung. Werbevideos, Rendertrailer, ja selbst vermeintliche Gameplay-Präsentationen eines Videospiels sind wie es so schön heißt "subject to change". Das heißt: Das Spiel kann sich bis zum Release verändern. Nein, es wird sich verändern.
    Battlefield 1 lässt sich schon jetzt im Verbund mit dem Premium-Paket kaufen, um Zugriff auf alle DLCs zu erhalten. Battlefield 1 lässt sich schon jetzt im Verbund mit dem Premium-Paket kaufen, um Zugriff auf alle DLCs zu erhalten. Quelle: EA

    Und das ist das Absurde an Vorbestellungen, an diesem Druck der Hersteller, Spieler möglichst früh auf einen Kauf einzustimmen. Denn was wir da per Vorbestellung kaufen ist nicht das, was wir 6, 12 oder 24 Monate später erhalten, das kann es gar nicht sein. Weil nämlich die Entwickler dem Zielpublikum ihr Spiel schmackhaft machen müssen, wenn es noch gar kein Spiel ist, sondern eine Handvoll Ideen, ein Schauplatz und viele unfertige Zeilen Programmcode. Aber Publisher sind so fokussiert auf ihren Profit, sie beginnen mit dem Verkauf eines Spiels, bevor die Entwickler fertig damit sind, es zu erschaffen. Und Spieler, die vorbestellen, fördern diesen verfrühten Vorstoß auf den Markt. Also werden zu Werbezwecken sogenannte "Mock-ups"angefertigt: So soll das Spiel mal aussehen, so könnte es aussehen - wenn alles klappt.

    Doch die Spiele-Entwicklung ist keine exakte Wissenschaft. Termin-Deadlines, Probleme mit der Engine, komplizierte Dritt-Software oder ein Entwickler, dessen Ambitionen seine Fähigkeiten übersteigen - viel kann schief gehen. Manchmal macht ein Feature im Praxistest auch einfach keinen Spaß und muss komplett umdesignt werden. Und am Ende, wenn die unvermeidlichen Vergleiche zwischen dem einst beworbenen Traum vom Spiel und dem letztendlich veröffentlichten Produkt aufkommen, fühlen wir uns als Spieler (egal ob Vorbesteller oder nicht) immer öfter verulkt, angelogen, ausgenutzt, abgezockt. Ob wir nun mutwillig getäuscht wurden oder nicht, spielt dabei kaum eine Rolle. Denn letztlich haben die Geldgier der Publisher in Sachen Vorbestellungen und die fehlende Zurückhaltung der Spieler beim Vorabkauf vor allem eine Konsequenz: Sie zerstört unser liebstes Hobby. Stück für Stück.

    • Es gibt 12 Kommentare zum Artikel

      • Von Revolvermeister Erfahrener Benutzer
        Zitat von Mariostar
        Eins davon war Uncharted 3 (Revolver dürfte sich darüber freuen:-P).
        Das mit mir und Uncharted 3 entwickelt sich ja offenbar noch zum Running Gag! Egal, es stimmt, die Numero drei ist mein Lieblingsteil und das mit Abstand. Aber das nur so am Rande ...

        Für mich persönlich…
      • Von LOX-TT Community Officer
        ich bestell eigentlich abgesehen von den 9,99er Sachen meist nur bei Steelbooks vor (hab ich ja oben schon geschrieben) oder aktuell bei der Legacy Edition von Call of Duty (um sicherzugehen dass ich Modern Warfare Remastered auch zum Release bekomme) oder halt bei Hardware (primär Konsolen (PS4, Wii, New 3DS), aber auch PS-VR anfangs, das ich aber wieder stornierte vor kurzen)
      • Von paul23 Erfahrener Benutzer
        Also ich bestelle nur vor , wenn ich mir ein Spiel im Net bestelle, und es zum Release spielen möchte. Und das fast nur meine Lieblingsserien, wenn der Preis stimmt. Ich bin noch nie in einen Laden um mir dort ein Spiel vorzubestellen.
        Ansonsten muss ich noch sagen, dass ich mir kaum noch Spiele zum Release hole. Lohnt kaum noch.
        Zudem stört es mich, dass es kaum Tests vor der Veröffentlichung gibt.
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Kolumne zum Vorbesteller-Hype von Industrie und Spielern: So machen wir unser Lieblings-Hobby kaputt
Das Prinzip Vorabkauf: Wie Aktionäre, Publisher und Vorbesteller Stück für Stück unser Lieblingshobby zerstören. Redakteur Peter Bathge mit einer nachdenklichen Kolumne über den Drang vorzubestellen und die seltsamen Blüten, die das Geschäft mit im Vorfeld verkauften Spielen, Betas & Pre-Order-DLCs treibt.
http://www.videogameszone.de/Spiele-Thema-239104/Specials/Vorbestellen-Pre-order-Hype-macht-Videospiele-kaputt-1208344/
25.09.2016
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