Kolumne: Ich habe versucht, Red Dead Redemption 2 ohne den Einsatz von Feuerwaffen zu spielen
Special
In Red Dead Redemption 2 steckt ein gehöriger Schuss Rollenspiel. Das ist doch eine Einladung zum Experimentieren! Ich habe versucht, Arthur als Feuerwaffengegner und Pazifist zu spielen. Wie es mir dabei erging, erfahrt ihr in dieser nicht ganz ernst gemeinten Kolumne mit leichten Spoilern zu den ersten Spielstunden.
In Red Dead Redemption 2 verkörpert man Arthur Morgan, einen Outlaw, Banditen, Revolverhelden. In meinem neuen Spielstand aber möchte ich ihm eine neue Charakterisierung verpassen - mein Arthur ist ein Pazifist und Feuerwaffengegner! Er attackiert nicht, er verteidigt sich nur, und wenn, dann mit bloßen Fäusten. Ob das funktioniert? Ich habe es ausprobiert, damit ihr es nicht tun müsst! Da ich die ersten Stunden des Spiels behandele, solltet ihr mit dem Lesen warten, wenn ihr RDR 2 (jetzt kaufen ) noch erleben und nicht gespoilert werden möchtet.
Erste Mission
Es ist kalt. Es ist dunkel.
Quelle: PC Games
Zwei Herren aus der feinen Gesellschaft diskutieren angeregt, circa 1899, koloriert.
Mit Anführer Dutch suche ich im Schneegestöber der Grizzlies nach unseren verloren gegangenen Kundschaftern Micah und John. Micah treffen wir unterwegs, er berichtet uns von einer Hütte, in der eine Party stattfindet. Ich wäre lieber bei den anderen Bandenmitgliedern. Wir könnten uns zusammenkuscheln, Kakao trinken und Gespenstergeschichten zum Aufmuntern erzählen! Außerdem weiß ich ja schon, dass es sich bei den Leuten in der Party-Hütte um Banditen handelt, die nicht einmal Kakao im Haus haben. Mein Arthur kann es natürlich nicht mit seinen Prinzipien vereinbaren, zuerst zu schießen, als die Hausbewohner Dutch mit der Waffe bedrohen. Schließlich erbarmt sich Micah, als er merkt, dass ich keine Anstalten zum Angriff mache. Ein Feuergefecht entbrennt, bei dem mich das Spiel mehrmals darauf hinweist, wie ich eine Pistole zu bedienen habe. Aber ich kann doch nicht!
Schnell zeigt sich: Ohne meine Unterstützung sind die beiden Bandenkollegen aufgeschmissen. Irgendwie schaffen sie es nicht, alle Gegner umzulegen. Nach dem ersten Game Over (Dutch wurde erschossen), wuchte ich mich aus der Deckung, um die O'Driscolls mit blanken Fäusten anzugehen. Das ist gar nicht so einfach: das Waten durch den Schnee kostet verdammt viel Ausdauer und es dauert ewig. Diese Zeit nutzen die Feinde gewissenhaft, um mich mit Kugeln zu löchern. Eine andere Strategie muss her.
Nach ein paar Versuchen habe ich einen Weg gefunden: Aus der Deckung, den ersten O'Driscoll schnell umhauen, hinten ums Haus laufen, von der anderen Seite attackieren und Glück haben, dass mir keiner der Banditen einen Kopfschuss verpasst. 15 Minuten habe ich für die Eine-Minute-Schießerei insgesamt gebraucht, aber ich hab's geschafft und vier O'Driscolls "bewusstlos" geschlagen. Zwei wurden von Micah erschossen, einer ist weggelaufen - den lasse ich natürlich in Ruhe. Ich hoffe, es geht ihm gut.
Quelle: PC Games
Da rennt er, der Gauner. Arthur hätte ihn gerne noch einmal umarmt.
Beim Untersuchen der Scheune überfällt mich ein weiterer Bandit. Klasse, dass er mir den Revolver gleich aus der Hand schlägt. Ich prügele zurück und überwältige ihn, wenn auch unter großen Gewissensbissen. Diesen O'Driscoll lasse ich natürlich ebenfalls laufen. Leider gibt es keine Möglichkeit, ihm eine Entschuldigung und gute Wünsche hinterher zu rufen. Ein kleiner Trost: Das Haus geht kurz darauf in Flammen auf. Das hält die bewusstlosen Gangster warm, sodass sie nicht erfrieren.
Ergebnis: 4 "ohnmächtige" O'Driscolls, 2 tote O'Driscolls, 2 geflohene O'Driscolls
Mission 2
Arthur und Javier brechen auf, um John zu suchen. Genau der richtige Job für meinen barmherzigen Arthur. Während des Weges auf den Berg streichele ich mein Pferd ununterbrochen. Ihm muss sehr kalt sein und ich möchte es wissen lassen, dass ich es respektiere und ihm dankbar für die Mühen bin. Zwar finden wir John, und er lebt, doch leider werden wir auf dem Rückweg von einem Wolfsrudel angegriffen. Die armen Wesen haben Hunger. Alleine würde ich mich gerne opfern, um das Überleben dieser edlen Tiere zu sichern, doch ich muss John, Javier, und natürlich die Pferde retten. Auch das ist kein einfaches Unterfangen.
Quelle: PC Games
Sieht aus wie ein fröhlicher Tanz, ist aber bitterer Ernst: Fautskampf gegen Wölfe.
Ich trete nach den Wölfen, zwei davon gehen zu Boden (vielleicht schlafen sie nur, sind aus Erschöpfung zusammengebrochen). Der dritte Vierbeiner rennt weg, ebenso erschrocken über meine Grausamkeit wie ich selbst. Beim Reiten bergab kommen jedoch noch mehr Wölfe aus dem Dickicht. Ich sehe keine andere Möglichkeit, als mein armes Pferd zum Mordgehilfen zu machen und lasse es über vier Wölfe trampeln. Javier scheint das zu gefallen, er galoppiert ebenfalls einen Wolf tot. Hoffentlich werden ihre Kadaver das Überleben des restlichen Rudels sichern!
Ergebnis: 7 tote Wölfe, 1 geflohener Wolf, 1 lebender John
Mission 3
Vor dieser Mission habe ich mich seit Spielbeginn gefürchtet. Ich muss Hirsche jagen - zum Wohl des Lagers, versteht sich, aber könnten die Bandenmitglieder nicht einfach Rinde und Schnee essen? Anscheinend nicht, Arthur wird dazu verdonnert, mit Charles auf die Pirsch zu gehen. Nachdem ich versucht habe, die Hirsche in der Nähe durch Herumrennen zu warnen, gehe ich einen Kompromiss ein: Einen Hirsch erschieße ich schwermütig, damit die Nahrungsversorgung meiner Begleiter sichergestellt ist. Wie einst Lara weint Arthur bitterlich um das Leben des Hirsches, bettet dessen Haupt in seinen Schoß und schüttelt die geballte Faust gen Himmel, während er "Waruuuuuuuum" ruft. Zumindest innerlich. Schweren Herzens und schwerer Schulter (ich bin mit meinem Mordopfer beladen) kehre ich ins Camp zurück, wo ich das Tier auch noch zerteilen muss! Dieser Moment wird für immer einen dunklen Fleck auf Arthurs Seele hinterlassen.
Ergebnis: 1 toter Hirsch, 1 mitgenommener Arthur
Mission 4
Quelle: PC Games
Prügeleien machen Arthur fit: Unsere Gesundheit hat bereits im Prolog Level vier überschritten.
Dutch plant einen Gegenangriff auf die O'Driscolls, die in der Nähe in einer stillgelegten Bergbausiedlung hausen. Arthur kann sich nicht aus der Affäre ziehen, er soll sogar direkt mit an die Front. Wir schleichen uns an, natürlich lasse ich meinen Begleitern den Vortritt, wenn es um den ersten Schuss geht. Für wen halten die mich, für einen Mörder? Diese Mission stellt mich auf eine harte Probe. Es dauert eine halbe Stunde, bis ich alle O'Driscolls bewusstlos geprügelt habe, ohne dabei selbst zu sterben. Der Typ auf dem Aussichtsturm stürzt unglücklicherweise in den Tod, nachdem ich ihm einen Kinnhaken verpasst habe. Ich vermisse eine Button-Einblendung, mit der ich dem Gefallenen meinen Respekt zollen kann.
Tatsächlich gestaltet sich die zweite Hälfte der Mission, als aus dem Wald weitere Banditen kommen, sehr viel einfacher: Die Bäume schützen mich vor dem Bleigewitter, während ich wild mit den Fäusten schwingend die restlichen Gegner auf die Bretter schicke. Durch den Nahkampf und das viele Herumrennen sind meine Gesundheit und Ausdauer schon jetzt auf Level vier.
Ergebnis: unzählige tote und "bewusstlose" O'Driscolls
Mission 5
Wir wollen einen Zug überfallen. Nachdem die Sprengladung zum Entgleisen nicht zündet - dass ausgerechnet ich sie befestigt habe, sehe
Quelle: PC Games
Der Kampf im Zug ist mit bloßen Fäusten erstaunlich schwierig. Der Grund: Durch den engen Gang ist die Trefferquote der Gegner erhöht, und sie scheuen nicht, ihre Freunde in den Rücken zu schießen.
ich als Bestätigung meiner Interpretation eines insgeheim zutiefst pazifistischen Arthur - versuchen wir, auf den fahrenden Zug zu springen. Nur Lenny und ich kriegen es hin. Vielleicht sind alle anderen Bandenkollegen ja insgeheim auch Pazifisten. Nun muss ich mich durch den Zug kämpfen. Ich schicke Lenny vor, der scheint mordlustig. Ich stelle fest, dass ich Gegner weitaus schneller K.O. schlage, wenn ich sie mit dem Knauf meiner Waffe treffe. Das gilt nicht als Feuerwaffeneinsatz, oder? Nach erstaunlich vielen Versuchen bin ich am Zugende angekommen und stoppe die Lokomotive.
Auch mein Pazifisten-Run kommt in diesem Moment zu einem abrupten Halt. Weitere O'Driscolls tauchen aus den Waggons auf. Mit meinen zielsuchenden Fäusten schlage ich zwar die meisten davon kampfunfähig, Lenny allerdings rennt durch die Gegend wie ein kopfloses Huhn. Unzählige Male scheitert die Mission, weil mein Begleiter abgeknallt wird. Ich bin einfach nicht schnell genug, um die Gefahr für meinen verwirrten Freund zu bannen! Eine Stunde lang mühen Arthur und ich uns ab, bis ich resigniere: Ich schaffe es nicht!
Quelle: PC Games
Oh nein, nicht Lenny!!!
Der Zeitpunkt ist gekommen: Ich schmeiße meine Prinzipien über Bord. Arthur ist im Rage-Modus! Mit der Flinte lichte ich die Reihen der O'Driscolls, das geht unfassbar schnell im Vergleich zu meinen vorherigen Prügeleien, ich bin begeistert! So eine Schusswaffe ist schon eine schöne Sache ... nein, Arthur, kämpfe gegen deine Dämonen! Er erwacht erst aus seinem Blutrausch, als der Rest der Bande eintrifft. Im Zug waren Wertpapiere, keiner ist gestorben (auch wenn ich irgendwie befürchte, dass Lenny kurz vor dem Ende ein weiteres Mal tot umfällt und die Mission endet, weil er einen Herzinfarkt bekommt oder Ähnliches), alle sind glücklich. Mein Experiment ist gescheitert, aber das ist in Ordnung: Mein Arthur wird ab jetzt wie ein ordentlicher Gangster Leute ausrauben, Vögel zum Spaß vom vom Himmel ballern und das Leben als Gesetzloser in vollen Zügen (ideal zum Ausrauben) genießen! Und grüßen werde ich auch ganz sicher niemanden mehr!
Ergebnis: Jede Menge erschossene Banditen unter einem Mantel des Schweigen; 1 gescheitertes Experiment
