Ni No Kuni im Test - Weitere Stärken, Meinung und Wertungskasten

Test Viktor Eippert

Zwei Meisterstudios ziehen am gleichen Strang und erschaffen mit Ni No Kuni: Der Fluch der Weißen Königin ein bezauberndes Abenteuer der alten Schule − inklusive einer extragroßen Portion Herz! Warum Ni No Kuni für Adventure-Freunde auf der PS3 ein Pflichtkauf ist, verrät unser Test!

Ni No Kuni: Putzige Mitstreiter

Bevölkert werden die weiten Landstriche Ni No Kunis von allerhand Monstern, die direkt sichtbar in Dungeons und in der Oberwelt umherlaufen. Wenn Oliver einem davon zu nahe kommt, wechselt das Spielgeschehen ganz klassisch in eine Kampfarena. Oliver und seine Freunde treten in Kämpfen allerdings nicht allein an. Jeder Charakter kann bis zu drei Vertraute mit in die Schlacht nehmen, um sie dann im Kampf zu beschwören. Ruft ihr solch einen Racker herbei, tauscht er den Platz mit dem Helden und tritt an seiner Stelle im Kampf an. Neue Vertraute erhaltet ihr, indem ihr wilde Monster zähmt und sie so zu einem Vertrauten macht. Jeder der insgesamt knapp über 300 im Spiel vorhandenen Vertrauten hat verschiedene Stärken und Schwächen, Charakterwerte und bevorzugte Ausrüstungsgegenstände. Denn genauso wie eure Party-Mitglieder steigen auch die Vertrauten in der Stufe auf, erhalten neue Fähigkeiten, können mit Items ausgestattet werden und entwickeln sich sogar zu mächtigeren Versionen. Außerdem gehört jeder Vertraute zu einer von vierzehn Gattungen, wobei jeder Held mit drei davon besonders gut umgehen kann. Ihr merkt sicher schon: Auch hier birgt Ni No Kuni enorme Spieltiefe.

Ni No Kuni: Taktisches Timing

Ni No Kuni im Test: Das Meisterwerk muss man einfach lieben! (63) Quelle: Play 3 Ni No Kuni im Test: Das Meisterwerk muss man einfach lieben! (63) Bei den Kämpfen brechen die Entwickler aus den klassischen Konventionen aus und setzen auf eine interessante Mischung aus rundenbasierten Befehlseingaben und Echtzeitbewegung. Ihr könnt daher zwar frei durch die Arena laufen, doch Angriffe, Zaubersprüche oder Fähigkeiten führen die Charaktere selbstständig aus, sobald ihr den Befehl dazu gebt. Das sorgt einerseits für Dynamik und erfordert andererseits Taktik. Jede Aktion verbraucht eine bestimmte Menge an Zeit, weshalb Timing eine Schlüsselrolle in den Kämpfen spielt. Trefft ihr einen Gegner im richtigen Moment, während er eine Spezial­attacke auflädt, könnt ihr diese somit unterbrechen. Alternativ könnt ihr die Spezialattacke auch einfach abwehren und so den Schaden stark senken, sofern ihr Oliver rechtzeitig den Abwehrbefehl erteilt. Die Angriffe von behäbigen Gegnern könnt ihr auch damit auskontern, wenn ihr auf Abstand bleibt. Bei bildschirmfüllenden Spezialattacken und Fernangriffen klappt das aber natürlich nicht.

Ein feines Feature sind die Essenz-Orbs, die getroffene Gegner hin und wieder fallen lassen und die ihr dann aufsammeln könnt. Die Orbs gibt es in drei verschiedenen Sorten: grün, blau und golden. Grüne Essenz heilt Lebenspunkte, blaue gewährt Manapunkte und die sehr seltene goldene Essenz füllt eure Lebenspunkte komplett auf und ermöglicht die Benutzung einer für jeden Helden und jeden Vertrauten speziellen Superfähigkeit. Ein gutes Timing ist vor allem während der Bosskämpfe entscheidend, da der Schwierigkeitsgrad dort plötzlich deutlich anzieht und ihr mit gut getimten Blocks und Angriffen extraviele Essenz-Orbs freisetzt.

Ni No Kuni: Mangelnde Gruppenkontrolle

Ni No Kuni im Test: Das Meisterwerk muss man einfach lieben! (76) Quelle: Play 3 Ni No Kuni im Test: Das Meisterwerk muss man einfach lieben! (76) Das Kampfsystem ist grundlegend leicht zu erlernen, bietet dank der Vertrauten und der Timing-basierten Aktionen aber zugleich genug Spielraum für erfahrene Spieler. Doch die Kämpfe haben eine deutliche Schwäche, die gleichzeitig unser größter (und beinahe einziger) Kritikpunkt an Ni No Kuni ist. Da ihr stets nur eines der drei Partymitglieder im Kampf steuern könnt, habt ihr nie die volle Kontrolle über das Geschehen. Die für die KI-Mitstreiter im Kampf vorgesehene Verhaltensweise stellt ihr mittels Taktik-Menü ein. Dort wählt ihr, ob Esther zum Beispiel lieber auf totale Offensive setzen soll oder doch besser der Gruppe mit Unterstützungs-Fähigkeiten unter die Arme greift. Für normale Kämpfe reicht das im Normallfall aus. Bossbegegnungen sind aber eine ganz andere Geschichte.

Da die KI nicht von sich aus blockt oder Bedarfsgegenstände benutzt, geht in der Hitze des Gefechts gerne mal ein Held ruck, zuck zu Boden, was mitunter für Frust sorgt. Eure einzige Möglichkeit, dem beizukommen, sind die beiden Sonderbefehle "Allgemeiner Angriff" und "Allgemeine Abwehr", die beide KI-Begleiter anweist, für eine bestimmte Zeit lang pauschal anzugreifen oder abzuwehren. Dieses Hilfskonstrukt lindert das Problem, beseitigt es aber nicht. Zumal ihr manchmal nur wenige Sekunden Zeit habt, um rechtzeitig auf die entsprechende Taste zu hämmern. Da wären eindeutig mehr Einstellungsmöglichkeiten für die KI nötig gewesen. Etwas in der Art des bis heute noch genialen Gambit-Systems aus Final Fantasy XII, mit dem man das KI-Verhalten bis ins kleinste Detail einstellen konnte, wäre eigentlich perfekt dafür.

Ni No Kuni: Zum Verlieben schön

Einer der größten Glanzpunkte von Ni No Kuni ist dessen fabelhafte Aufmachung und Atmosphäre. Mit der Bombast-Grafik eines Final Fantasy kann die Reise in die andere Welt freilich nicht konkurrieren. Doch das gleicht Ni No Kuni mit seinem zum Niederknien schönen Artdesign und seiner bedingungslosen Liebe zum Detail mühelos aus. Nicht nur die von Ghibli hochwertig produzierten Anime-Zwischensequenzen sind absolut top; den Entwicklern bei Level-5 ist es obendrein klasse gelungen, den handgezeichneten, unverkennbaren Stil, für den Studio Ghibli berühmt ist, erfolgreich in der Spielgrafik einzufangen. Bei jedem Schritt durch die Spielwelt merkt man, mit wie viel Hingabe und Leidenschaft die Grafiker hier ans Werk gegangen sind. Die Vertrauten und Monster sind superknuffig gestaltet und animiert, die Charaktere könnten mit ihrem einfallsreichen Design direkt einem Ghibli-Anime entsprungen sein, das Menüdesign ist zuckersüß und jede Ecke der Spielwelt hat förmlich groß und breit ein "Mit extraviel Liebe gemacht" auf den Boden gekleistert. Insbesondere die detaillierten Städte sind eine echte Augenweide. Jede Stadt in Ni No Kuni hat bis auf den letzten Stein und inklusive aller Bewohner einen eigenen Stil, was jedem Ort eine einzigartige Ausstrahlung verleiht.

Ni No Kuni: Ausnahmslos tolle Lokalisierung und Musikuntermalung

Ni No Kuni im Test: Das Meisterwerk muss man einfach lieben! (77) Quelle: Play 3 Ni No Kuni im Test: Das Meisterwerk muss man einfach lieben! (77) Einen nicht zu kleinen Beitrag für die tolle Atmosphäre von Ni No Kuni leistet die gelungene Lokalisierung. Für die nahmen sich die Macher ein ganzes Jahr Zeit und im Nachhinein müssen wir ganz klar sagen: Selten hat sich der Aufwand so sehr gelohnt! Egal ob Oliver und seine Freunde eine Audienz bei ihrer Muhjestät, der Kuhlifin von Al-Kuhweid, erbitten oder die Beine in die Hand nehmen und aus Schloss Neuschweinstein in Schweinfort türmen: Man merkt minütlich, wie viel Mühe in die fantastische, mit Wortspielen vollgepackte deutsche Übersetzung geflossen ist. Die deutsche Lokalisierung ist über weite Strecken sogar noch pfiffiger und wortgewandter als die englische Übersetzung der Texte. Eine absolute Seltenheit! Eines der vielen Highlights diesbezüglich ist der Magische Begleiter, Olivers Zauberbuch.

Der 340 Seiten starke Wälzer ist im Spiel als interaktive Variante einsehbar und ist ebenfalls komplett ins Deutsche übersetzt worden. Lob verdient zudem die englische Vertonung. Alle Sprecher passen toll zu ihrer Figur und manche Charaktere, Tröpfchen etwa, sind mit ulkigen Dialekten gesprochen. Einzig die Menge an vertonten Dialogen ist enttäuschend. Mehr als die Hälfte des Spiels hört ihr nur das Rattern der sich aufbauenden Dialogzeilen. Bei einer derart langen Zeit für die Lokalisierung hätten wir wenigstens die Vertonung aller storyrelevanten Abschnitte erwartet. Ohne Fehl und Tadel ist dagegen die von Ghibli-Komponist Joe Hisaishi arrangierte und vom Philharmonischen Orchester Tokio eingespielte Musikuntermalung. Die bietet Stimmung pur!

Ni No Kuni: Spitzenfeature: der Magische Begleiter

Ni No Kuni im Test: Das Meisterwerk muss man einfach lieben! (84) Quelle: Play 3 Ni No Kuni im Test: Das Meisterwerk muss man einfach lieben! (84) Eines der tollsten Features im Spiel ist Olivers interaktives Zauberbuch, der bereits erwähnte Magische Begleiter. Der über 300 Seiten starke Wälzer enthält Einträge zu sämtlichen Zaubern, Vertrauten, Items, Gebieten sowie Alchemie-Rezepte und zwölf schöne Kurzgeschichten. Obendrein sind im Buch wunderschöne Illustrationen zu finden sowie zahlreiche Hintergrundinformationen zur Spielwelt, inklusive der Mythologie und Infos zu den Städten und Bewohnern von Ni No Kuni. Allerdings ist das Nachschlagewerk zu Spielbeginn noch unvollständig. Die fehlenden Seiten erhaltet ihr während eures Abenteuers für Quests oder findet sie an versteckten Orten in der Spielwelt.

Den Entwicklern ist es gelungen, das Buch nicht nur interessant zu gestalten, sondern auch sinnvoll ins Spiel einzubinden. Oft haben wir die detaillierten Landkarten studiert oder auf der Suche nach bestimmten Gegenständen oder Vertrauten in den Seiten geschmökert. Manche Quests könnt ihr sogar nur lösen, wenn ihr beispielsweise bestimmte Zauberwörter oder Infos im Magischen Begleiter nachschlagt. Wunderbar einfach ist dabei die Bedienung. Mit den Schultertasten blättert ihr fix die Seiten um und mit dem rechten Analogstick könnt ihr jederzeit frei zoomen. Auf diese Weise könnt ihr auch vom Inhaltsverzeichnis aus direkt in das gewünschte Kapitel zoomen und so an die entsprechende Stelle im Buch springen. Sehr praktisch!
Wer die Sammleredition von Ni No Kuni für ca. 90 Euro kauft, erhält sogar eine gedruckte DIN-A5-Variante des Magischen Begleiters mit wunderschönem Harteinband sowie sämtlichen Inhalten und Illustrationen! Das Buch ist sehr hochwertig verarbeitet, weist eine hohe Papierqualität auf, liegt aber (im Gegensatz zur digitalen ingame-Version auf Deutsch) nur als englische Variante bei.

Ni No Kuni: Meisterhafte Rückbesinnung

Ni No Kuni wagt zwar kaum Experimente, mit seinem bildschönen Äußeren und seinem unglaublich liebevollen Inneren lässt das Gemeinschaftswerk von Level-5 und Studio Ghibli dafür aber die Glanzzeiten klassischer JRPGs deutlich durchschimmern und brilliert mit eben jener Seele, die das Genre einst so groß machte. Während der unzähligen Spielstunden verliert dieses zauberhafte Märchen zu keiner Minute an Reiz. Die Charaktere sind herzallerliebst, mysteriös oder charmant, die fabelhaften Wortspiele hören nie auf zu begeistern und die fantasievolle Welt motiviert bis zum Schluss zur ausgiebigen Erkundungstour. Und vor allem hat Ni No Kuni etwas, das inzwischen beinahe schon Seltenheitswert besitzt: jede Menge Herz!

Bildergalerie

Wertung zu Ni no Kuni: Der Fluch der Weißen Königin (PS3)

Wertung:

9.0 /10
Pro & Contra
Liebevoll gemacht bis ins kleinste DetailStarke Übersetzung mit zig WortspielenEpischer Umfang und viel AbwechslungSpitzenfeature: der Magische BegleiterHerzerwärmende GeschichteBildschöne, detailverliebte GrafikTotal sympathische CharaktereFantastische MusikuntermalungWeitere Spielinhalte nach dem DurchspielenWunderbar nostalgisches SpielgefühlViele, praktische ZaubersprücheÜber 300 verschiedene Vertraute zum FangenEtwa 20 Minuten an Anime-Szenen von Studio GhibliFantasievolle, teils abgefahrene Schauplätze
Ungenügende Kontrolle im KampfZu großen Teilen unvertonte DialogeErfolgreiche Alchemie-Rezepte werden nicht gespeichert
  1. Seite 1 Ni No Kuni im Test - Ein echtes Meisterwerk
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