Left 4 Dead 2 im Test für Xbox 360: Im Multiplayer-Modus eine Wucht!
Formulierungen vom Schlage "Die Geschichte ist schnell erzählt: blabla ..." sind Tabu-Formulierungen. Wenn dem nämlich so ist, verwenden wir ohnehin nur wenige Zeilen zur Nacherzählung. Und dann merkt ihr ja selbst, dass die Story kleckert statt klotzt. Bei Left 4 Dead 2 allerdings machen wir eine Ausnahme. Die Geschichte ist so kurz, platt und dünn, wir würden Angst haben, ihr könntet den entsprechenden Textabschnitt verpassen, weil er ebenso schnell endet wie er anfängt. Also, die Geschichte ist schnell erzählt: In Amerika gibt's einen Virus, der aus Menschen Zombies macht, die sogenannten Infizierten. Unter den Lebenden wandeln noch Teile des Militärs sowie vier Südstaatler namens Coach, Nick, Ellis und Rochelle, die alles abschießen, was stinkt, fault und aus dem Mund riecht. That's it. Wo der Virus herkommt? Wie man den Virus aufhalten kann? Warum ausgerechnet eben jene vier Figuren überlebt haben? Alles Fragen, um deren Beantwortung sich Left 4 Dead 2 erfolgreich drückt, ebenso wie sein Vorgänger. Die wenigen Geschichtsfetzen, die Valve euch zu lesen bietet, sind stumm an Wände gekritzelt. Zum Lesen allerdings fehlt jede Zeit ...
Ratter, zisch, bäng: Aufgrund der riesigen Zombie-Horden vergehen in Left 4 Dead 2 nur wenige ruhige Sekunden.
Wer den Vorgänger kennt, der weiß, worauf sich die Zombiehatz konzentriert: Schießen, Zerhacken, Sprengen, Entzünden, Zersägen; das Zombieleben in Left 4 Dead 2 nimmt stets ein blutiges Ende. Kern des Mehrspieler-Shooters ist der kooperative Spielmodus: Ihr huscht in die Rolle eines der vier Protagonisten, um aus den zombieverseuchten Gebieten zu flüchten. An eurer Seite unterstützen euch die drei übrigen Figuren, die entweder von der künstlichen Intelligenz oder menschlichen Spielern gesteuert werden. Seinen besonderen Mehrwert entfaltet Left 4 Dead 2, wenn ihr mit Freunden und Bekannten auf Zombiejagd geht, inklusive Voice-Chat, Hilfeschreien und einer Vielzahl anderer Laute.
Die Kampagnen
Left 4 Dead 2 umfasst fünf Kampagnen zu je vier beziehungsweise fünf Kapiteln. Jedes Kapitel beginnt und endet in einem Sicherheitsraum, in dem ihr Waffen, Munition, Medipacks und Tabletten findet. Unter anderem durchstreift ihr einen Sumpf, eine Kleinstadt und ein Einkaufszentrum. Besonders in Erinnerung bleibt die Kampagne "Dunkler Karneval", die dem überzeichneten Zombiegemetzel eine ebenso überzeichnete Kulisse gibt. In die fünf Abschnitte des Rummelplatzes packt Valve gleich drei Highlights: Im Liebestunnel vergießt ihr Zombieblut in mitten von Plastikschwänen, romantisch-pinken Lichtern und purpurroten Vorhängen. Gleich darauf gilt es, unbeschadet eine stillgelegte Achterbahn zu überqueren und sich die Zombies in luftigen Höhen vom Hals zu schaffen. Kampagnengipfel: Ein Rockkonzert (allerdings ohne Band) mit Licht-Show, Feuerwerk und jede Menge aggressiven Zombies. "Sturmflut" folgt einem neuen Konzept: In den fünf Abschnitten der nass-düsteren Kampagne startet ihr bei Sonnenschein in einer Kleinstadt, bahnt euch euren Weg zur Zuckerfabrik, stockt eure Munition auf und schießt euch bei einsetzender Witterung und Dunkelheit zur Stadt zurück.
das Blut ist in der Xbox-360-Version dieses Mal rot - in Left 4 Dead war es noch grün. L4D2 kommt in Deutschland allerdings geschnitten auf den Markt.
Als Gesamtkunstwerk betrachtet haben die fünf Left 4 Dead 2-Kampagnen mit nur wenigen Längen zu kämpfen, obgleich die denkwürdigen Höhepunkte fernab der oben erwähnten ebenfalls überschaubar sind. Die Abschnitte pendeln sich in sechs bis zehn Stunden Spielzeit - je nach Schwierigkeitsgrad und Hang zum eigenen Ableben - früh auf einem konstanten Niveau ein, das Höhen wie Tiefen zu umgehen weiß.
Die Spielfiguren
Left 4 Dead 2 unternimmt nur wenige Versuche, seinen Charakteren Persönlichkeiten zu verleihen. Einzige Ausnahme: Ellis. Der junge Mechaniker erzählt in jedem Sicherheitsraum, jedem Fahrstuhl und überall dort, wo sich sonst die Gelegenheit bietet, von seiner großen Leidenschaft, dem Motorsport. Von den anderen in seinen Ausführungen stets jäh unterbrochen, erinnert er an ein nervendes, wohlgleich sympathisches Kind, das sich in all seiner Hoffnungslosigkeit möglichst schöne Gedanken macht. Er ist, drastisch formuliert, das einzig wahrlich menschliche in Left 4 Dead 2. Seine Kollegen, allen voran die erfolglose TV-Produzentin Rochelle, ersticken in Austauschbarkeit.
Zeitgleich jedoch haben sie die schwere Aufgabe, den gesprochenen Humor von Left 4 Dead 2 zu transportieren. Das gelingt mit platten, dennoch situationskomischen Sprüchen wie "Ab in den Liebestunnel!" oder "Wow, das Kinderparadies!", scheitert aber oftmals an den flachen, zum "cool sein" verdonnerten Charakterprofilen. Ein bisschen mehr Mühe hätte die Ausgestaltung durchaus vertragen dürfen.
Das kooperative Spiel
Seinen besonderen Reiz entfaltet Left 4 Dead 2 beim Spiel mit Freunden und Kollegen im Internet, beim Austausch von Kommandos, Befehlen, Hilferufen und Panikschreien. Die sind unbedingt nötig, um die jeweiligen Sicherheitsräume beziehungsweise Kampagnen-Finale zu erreichen. In den Schwierigkeitsgraden "Einfach" und "Normal" mag es vielleicht ausreichen, unkontrolliert durch die Spielwelten zu rennen, bei den höheren Schwierigkeitsgraden jedoch ist Teamplay gefragt. Wer sich zu weniger als 100 Prozent auf seine Teamkameraden verlassen muss, darf mit Frustmomenten rechnen, wenn er zum Beispiel von einem Hunter attackiert wird und erfolglos nach Hilfe schreit. Oder, wie es uns passiert ist, zehn Meter vor der Evakuierung zurückgelassen wird, weil den Mitspielern das Achievement wichtiger ist als der anonyme Mitspieler.
Vor allem im Multiplayer-Modus entfaltet Left 4 Dead 2 sein Potenzial.
Die Zusammenarbeit beschränkt sich in Left 4 Dead 2 nicht nur auf das gemeinsame Abschießen der Zombies, sondern auch auf sehr selten eingesetzte Team-Aufgaben. Am Ende der Kampagne "Infektionszentrum" beispielsweise müsst ihr euer Fluchtfahrzeug mit Benzin füllen. Die entsprechend notwendigen Treibstoff-Kanister findet ihr in einem abgegrenzten Spielabschnitt. Wer schnurstracks zum nächstgelegenen Kanister rennt, riskiert nicht nur sein eigenes Leben sowie Leben seiner Spielpartie. Ein paar taktische Absprachen sind hier unbedingt nötig! Die beschriebene Aufgabe allerdings gehört schon zum Höchsten der Gefühle - mehr als das dürft ihr in Sachen Koop-Features abseits von Schießen und Heilen nicht erwarten. Das ist umso ärgerlich, verschenkte doch bereits Left 4 Dead in dieser Hinsicht enormes Potenzial.
Neue Monster, neue Waffen, neuer KI-Direktor
Spitter, Jockey und Charger heißen die neuen Super-Infizierten in Left 4 Dead 2. Sie peppen das Gameplay merklich auf, weil alle drei intensive Bewegungen voraussetzen, um sie auszuschalten. Wer zu lange still steht, den rennt der bullige Charger über den Haufen, der Spitter spuckt Säure, der Jokey reitet. Ja, er reitet. Und zwar euch ins Verderben, auf euren Schultern. Sinn der Attacke: Der Jockey will "berittene" Spieler in die Gefahrenzone zerren, dort wo Zombiehorden lauern oder andere Super-Infizierte. Der KI-Direktor, Valves hauseigene Bezeichnung für das System, das dynamisch Waffen, Heilgegenstände und Monster in den Spielabschnitten verteilt, leistet dabei großartige Arbeit. Einen Jockey werdet ihr - im Gegensatz zum Tank - niemals allein auf weiter Flur vorfinden. Er tummelt sich stets in undurchsichtigen Gruppen oder lauert in der Nähe eines Spitters, in dessen verseuchte Galle er euch führen kann.
Um solch unerwartete Angriffe vorzubeugen, gibt's unter anderem den Granatwerfer, mit dem ihr dichte Feindgruppe aus der Distanz sprichwörtlich zerreißt. Ebenfalls neu: Zahlreiche Nahkampfwaffen, darunter Baseballschläger, Bratpfannen (!), Macheten, Kettensägen, Samurai-Schwerter und Äxte. Deren Handhabung und Einsatz im Kampf gegen die mitunter sehr flinken Zombies funktionieren überraschend gut. Entsprechend leicht fällt die Wahl, welche Sekundärwaffe Sie in Zukunft mit sich herum schleppen - der Klassiker Pistole hat ausgedient!
Wenn ihr von einem Zombie niedergestreckt werdet, kann euch ein Verbündeter heilen.
Versus-Mode und Scavenge-Modus
Im kompetitiven Mehrspielermodus von Left 4 Dead 2 treten vier Super-Infizierte gegen vier Überlende an. In welchen Oberzombie ihr schlüpft, bestimmt das Programm - eine freie Wahl ist nach wie vor nicht möglich, was ein ausgewogenes Balancing garantiert. Die neuen Infizierten, Jockey, Charger und Spitter, sind dem ebenfalls zuträglich. Über mangelnden Inhalt dürft ihr euch in Left 4 Dead 2 ebenfalls nicht beschweren: Im Versus-Modus sind sämtliche Abschnitte aller Kampagnen spielbar! Nette Dreingabe: Im Scavenger-Modus hindern die Infizierten die Überlebenden nicht am Erreichen des Sicherheitsraumes, sondern am Befüllen eines Fluchtautos mit Benzin (siehe auch Abschnitt: "Das kooperative Spiel").
Grafik und Sound
Optisch hinterlässt Left 4 Dead 2 einen zwiespältigen Eindruck. Die bereits in Left 4 Dead kritisierten, detailarmen Innenräume locken anno 2009 niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Bei den Außenarealen sorgen dezent platzierte Details für eine merklich bessere Authentizität, wenngleich einige Spielabschnitte an Tristesse nur schwer zu überbieten sind. Tristesse in grafischer Hinsicht, nicht in thematischer, Zombies-haben-die-Stadt-überrannt-Hinsicht. Gemessen an aktuellen (und weniger aktuellen) Grafik-Highlights zieht die Source-Engine klar den Kürzeren.
"Ich lade nach" hört ihr in Left 4 Dead 2 ähnlich häufig wie in Left 4 Dead. Das mag manche stören, manche mögen es bereits nach wenigen Spielminuten komplett überhören. Es ist, aus unserer Sicht, der einzige streitbare Punkt an der Soundqualität von Left 4 Dead 2. Der Rest, Effekte, Geschrei, Waffengeräusche, musikalische Untermalung sowie die deutsche Sprachausgabe sind sehr gelungen. Valve agiert beim Sound getreu dem Motto "weniger ist mehr" - wenn die nervenzerreißende Musik einsetzt, wisst ihr genau, dass etwas passieren wird. Die Frage ist nur, was? Und von wo?
Deutsche Version: Achtung, geschnitten!
Die deutsche Version von Left 4 Dead 2 enthält sämtliche Waffen der unzensierten Originalversion, inklusive Kettensäge und Katana. Das Blut spritzt in roter Farbe und in gleicher Menge, Gliedmaßen jedoch lassen sich nicht abtrennen. Getötete Zombies und Super-Infizierte verschwinden nach dem Ableben (siehe Screenshot rechts). Der allgemeinen Spielatmosphäre tut das nur wenig Abbruch.
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Lebst du in einer Traumwelt?
Das bringt nicht genug Kohle, einfach nur Kampagnen über XBL zu verkaufen.